Kultur : Preußenjahr: Die Macht der Ohnmacht

Jörg Plath

Kein Ort dürfte passender sein, um das oft totgesagte und noch öfter strahlend auferstehende Preussen zu feiern. Im Kronprinzenpalais haben schließlich drei Hohenzollern das Licht der Welt erblickt. Gestern folgte ihnen an Ort und Stelle der voluminöse Sammelband "Preußische Stile" nach.

Berlins Kultursenator Christoph Stölzl ließ es sich nicht nehmen, die für den heutigen Tag angesetzte Eröffnung des Preußenjahrs schon einmal im kleinen, vom Klett Verlag gebetenen Kreis vorwegzunehmen. Aus Bewunderung für Preußens Kunst, mehr zu sein als zu scheinen, verzichtete er auf die Klage über schmale Kassen. Doch er wünsche sich den Wiederaufbau der Schlossfassade, weil das ein für Preußen typischer "Wahnsinn" sei.

En passant hatte der Senator das Preußen-Bild um eine Facette bereichert, die selbst in "Preußische Stile" nicht in dieser Weise zu finden ist. Dessen weit ausgreifender Titel verdankt sich übrigens dem Versuch, Arthur Moeller van den Brucks Begriff des "preußischen Stils" zu öffnen. Van den Bruck hatte 1916 in Schinkels Architektur den Ausdruck der "ewig wachenden Idee der preußischen Armee" gesehen, und auf diesen "preußischen Stil" beriefen sich später gern Hitlers Architekten Paul Troost und Albert Speer.

Die Geschichte Preußens, schreiben die Herausgeber von "Preußische Stile", Patrick Bahners und Gerd Roellecke, in einer nur knapp einseitigen Vorbemerkung, ende nicht 1947 durch das Dekret der Siegermächte. "Unsere Teilhabe an Preußens objektivem Geist lässt sich weder ge- noch verbieten. Sie ist. Aber was ist Preußen?"

Das Land der Preußen mit der Seele zu suchen - dies verwundert 20 Jahre nach der großen Preußen-Ausstellung im Martin GropiusBau und einigen wissenschaftlichen Kontroversen. Ist nicht schon alles erforscht? Die Herausgeber mögen ihr umfassendes Anliegen nur insoweit eingrenzen, als sie nicht "an preußische Macht, sondern an preußische Ohnmacht" anknüpfen wollen. Das weckt Neugier, ist doch mit Ausnahme von 1701, als sich Friedrich III. selbst zum König krönte, und 1806, nach der Niederlage gegen Napoleon, von einer staatlichen Ohnmacht Preußens wenig bekannt - wohl aber von der der Gesellschaft im starken Staat.

Von Ohnmacht freilich ist in den 28 gut lesbaren Beiträgen kaum die Rede. Die meist nach 1958 geborenen Wissenschaftler und Journalisten widmen sich zunächst den Taten des Staates, allein Friedrich II. wird biografisch gewürdigt. Diese Ehre widerfährt dann auch Humboldt, Kant und Hegel, während das im 19. Jahrhundert erstarkende Bürgertum leer ausgeht und Arbeiter nur als Objekt der Bismarckschen Sozialpolitik Beachtung finden. Nach 1918 verschiebt sich die Aufmerksamkeit gänzlich vom Staat auf Künstler und Intellektuelle wie Arthur Moeller van den Bruck, Rudolf Borchardt, Carl Schmitt oder Jochen Klepper.

Derartige Verschiebungen in "Preußische Stile" sind wohl nur idealistisch zu nennen. Die Mischung aus Politikgeschichte und Biographie schreibt dem Staat die Wirkung zu, die nach Humboldt die antike Kunst auf Geschmack und Charakter einzelner Menschen hat: Preußen als Menschenbildner.

"Teilhabe" an solch "objektivem Geist" sorgt bei vielen Autoren für ausgesprochen versöhnliche Urteile. Mitherausgeber Gerd Roellecke etwa nennt Preußen einen "Vorrreiter der Modernisierung" durch den Übergang von ständischen zu Funktionskriterien in Verwaltung und Recht. Er hält die Modernisierung nicht mehr wie die Forschung um 1980 für "defensiv" und die preußischen Tugenden für ihre notwendige Folge. Ein Rätsel bleibt, wie sich die Nachbarstaaten ohne die Verehrung von Pflicht, Ordnung, Pünktlichkeit und Fleiß modernisieren konnten.

Ein sehr versponnenes Porträt eines Humboldt-Biographen legt dagegen Mitherausgeber und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Bahners vor. "Preußische Stile" ist ein Kessel Buntes mit interessanten Aufsätzen (Martina Bretz über Wilhelm Humboldt, Dieter Bartetzko über van den Bruck, Bernd Sösemann über Krönungsjubiläen) und einigen, die überraschend ins Leitartikeln verfallen. Manchen jungen Wissenschaftlern erscheint die Gegenwart wichtiger.

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