Kultur : Preußische Courage

Auf Umwegen in die Alte Nationalgalerie: Adolph Menzels Gemälde „Die Bittschrift“ – eine späte und schöne Bescherung

Bernhard Schulz

Adolph Menzel war Zeuge nahezu des ganzen 19. Jahrhunderts. Er hat sich immer als Beobachter verstanden. So sehr der Künstler seinen Werdegang der Bereitschaft verdankte, seinen nimmermüden Fleiß in den Dienst der Auftraggeber, zumal des königlichen Hofes zu stellen, ließ er sich doch nie vereinnahmen. Menzel, 1815 geboren und 1905 gestorben, wurde spät, doch umso eindrucksvoller als größter Künstler Preußens geehrt. Der größte Hofkünstler wurde er nicht. Es blieb selbst in den Auftragswerken und denjenigen, die ihnen quasi als Bewerbungsarbeiten vorangingen, stets eine leise Distanz, die ihm sein bohrender Realismus vorgab. Der Kaiser mochte ihn zur „Exzellenz“ erheben und mit dem Schwarzen Adlerorden dekorieren. Menzel blieb unbestechlich.

Das bekam er gleich bei dem allerersten Gemälde zu spüren, das er dem in Preußen vergötterten Friedrich dem Großen widmete. „Die Bittschrift“ entstand 1848/49 und wurde dem Hof zum Kauf angeboten. Fünf Jahrzehnte später erinnerte sich Menzel, dass der zuständige Generaldirektor der Museen, Ignaz von Olfers, „ein Hofmann der guten alten Zeit, verlangte, dass ich den Weg, den der König entlangreitet, gleichsam planieren und säubern sollte. Er erschien ihm nicht courfähig.“ Ein König reitet nicht auf wilden Pfaden. Die Korrektur unterblieb – der Ankauf ebenso.

Jüngst erst gelang es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Hilfe des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und der Kulturstiftung der Länder, „Die Bittschrift“ für 1,3 Millionen Euro aus Privatbesitz für die Alte Nationalgalerie zu erwerben. Von Dienstag an ist das Gemälde nun auf der Museumsinsel zu sehen.

Dass sich das Werk seit 1912 im Besitz des Menzel-Verehrers Wilhelm II. befand, wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte. Das Haus Hohenzollern durfte das Gemälde nach der Abdankung des Kaisers als Privatbesitz behalten. 1998 veräußerten es die Nachfahren an einen Bremer Privatsammler. 2002 in der Alten Nationalgalerie ausgestellt, gab es der Eigentümer nunmehr zur Auktion.

„Die Bittschrift“ ist aus eigenem Recht ein bedeutendes Werk – wie auch als Auftakt der Friedrich-Bilder, die Menzel als Maler berühmt machten. Zudem markiert die kleinformatige Leinwand einen Wendepunkt in seinem Œuvre. Von da an wird Menzel zum Chronisten preußischer Geschichte und Geschichten. Gute Gründe, das Werk für Berlin zu sichern.

Ein intimes Werk ist diese „Bittschrift“, kein Herrschaftsbild. Zwar reitet der König, vom Neuen Palais, seinem Potsdamer Triumphschloss her durch den Park von Sanssouci kommend, in der Bildmitte auf den Betrachter zu. Doch gebannt wird der Blick von dem in der rechten Bildhälfte stehenden jungen Bauernpaar. Die Frau redet auf ihren zögernden Mann ein. Sie drängt ihn zur Tat; ihre Worte sind nachgerade zu hören. Das Schreiben, das der Mann in Händen hält, wie um sein Kinn darauf zu stützen, enthält augenscheinlich eine Bitte an den Landesherren, von dem in zahllosen Anekdoten erzählt wurde, dass er die Gesuche seiner Untertanen ohne Ansehung des Standes anzuhören pflegte.

Friedrich der Große, 1786 gestorben und Verkörperung des „alten“ Preußen, wurde seit den biedermeierlichen dreißiger Jahren 19. Jahrhundert zum Vorbild des „guten Regenten“ stilisiert. Menzel trug ungemein zu dieser Popularisierung bei. In der auf die gescheiterte Märzrevolution von 1848 folgenden politischen Erstarrung weist Menzel auf die klassenübergreifenden Qualitäten eines Landesvaters hin, verbildlicht im Zusammentreffen von Bauernpaar und König. Der wird die Bittschrift seiner Untertanen, von Höflingen ungehindert, zweifellos gnädig entgegennehmen. Der reaktionäre König Friedrich Wilhelm IV. hingegen lehnte 1849 die von der Frankfurter Paulskirchenversammlung angetragene Würde eines deutschen Kaisers ab, weil sie nicht „von Gottes Gnaden“ kam.

Genau das bezeichnet einen Bruch in Menzels Werk: dass sich der Schilderer bürgerlichen Lebens wie dem „Wohnzimmer mit der Schwester des Künstlers“ und industrieller Errungenschaften wie der „Berlin-Potsdamer Eisenbahn“, beide von 1847, bald darauf einer detailversessenen Historienmalerei verschreibt. Gewiss aus der Not des Broterwerbs heraus, aber auch als Rückzug aus der eigenen Gegenwart. Friedrichs Lebensgeschichte wurde zur guten, alten Zeit verklärt. Auch wenn Menzel im Abstand eines halben Jahrhunderts behaupten sollte, „Das Jahr 1848 hat an meiner Tätigkeit nicht das Geringste geändert. Während der Märztage betrieb ich den Fortgang meiner Fridericiana genau wie vorher und nachher“: Die „Bittschrift“ widerlegt ihn. Menzel, der eben noch die „Aufbahrung der Märzgefallenen“ als Memorialbild der bürgerlichen Revolution gemalt hatte, zieht sich in die staatsfromme Preußen- Historie zurück – enttäuscht vom Scheitern des Bürgertums, aber auch von dem Aufstand selbst. Menzels Haltung blieb die des distanzierten Beobachters.

Menzel wollte stets und mit vollem Recht als Maler wahrgenommen werden. Seine „Bittschrift“ ist ein meisterliches Werk. Die asymmetrische Komposition bezeugt Menzels Abkehr von akademischen Regeln, die feinteilige Darstellung des Paares sein psychologisches Einfühlungsvermögen. Mag der König auch die Bildmitte einnehmen – die den Betrachter ergreifenden Hauptakteure sind die namenlosen Eheleute im Vordergrund. Menzel hat sein Augenmerk gern auf vermeintliche Nebenfiguren gerichtet, auf den Kohlenschipper im „Besuch im Eisenwalzwerk“, auf den Zeitungsjungen in der „Abreise König Wilhelms zur Armee 1870“. Die nach künstlerischen Gesichtspunkten getroffene Gewichtung kann Menzel bisweilen ins bildnerische Durcheinander führen, wie in der übervollen Szene des Pariser „Nachmittags im Tuileriengartens“ von 1867.

Menzels von seiner kleinbürgerlichen Herkunft geprägten Sympathien treten in seinen Gemälden immer wieder zutage. Es ist ein hoher Gewinn, dass die kleine „Bittschrift“ in der Alten Nationalgalerie die Reihe der Friedrich-Bilder, vom postkartenbeliebten „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ (1852) bis zur schroffen „Ansprache Friedrichs vor der Schlacht bei Leuthen“ (1861), ausbalancieren kann. Künstlerisch hat sich Menzel jeder Aufgabe, jedem Sujet und jeder dargestellten Person mit gleicher Intensität gewidmet. Insofern steht die „Bittschrift“, mag sie auch arg idyllisierend wirken, nicht geringer da als die nüchternen Alltagsszenen, die Menzel vor 1848 und erneut nach den Friedrich-Bildern ab 1860 festhielt.

„Gaben – wer hätte sie nicht? Talente? Spielzeug für Kinder. Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie“, rühmt Fontane den langjährigen Freund in einem berühmten Distichon. Es ist der Ernst, eine beiläufige Begebenheit wie das Zusammentreffen in Potsdam als große Historie zu würdigen, und der Fleiß, sich der erdachten Szene wie einer eben erlebten Begebenheit vertrauter Gefährten zu bemächtigen. Und doch alles so zu malen, dass es als diejenige souveräne Kunst vor Augen steht, die das Menzelsche Genie ausmacht.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, ab 18. Dezember. Im Netz: www.smb.museum

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