Kultur : Preussisches Kunsthandwerk in der Berliner Galerie Pels-Leusden

Antje Rüster

Es liegen Welten zwischen den beiden Bildnissen: Hier eine "Junge Berliner Dame", die anlässlich ihres Verlöbnisses mit einem Blumenkranz in der Hand vor einem Landschaftshintergrund posiert, da eine "Junge Dame im Café", allein an einem Tisch sitzend. Während sich die eine voller Anmut geradezu dem Betrachter präsentiert, verschwendet die andere keinen Blick auf ihn. Das Porträt Ernst Gebauers von 1825 (32 000 Mark) zeigt die präzise Malweise des Biedermeier, der flüchtigere Strich des Pastells der Caféhausszene Franz Skarbinas von 1892 (48 000 Mark) gibt sich hingegen impressionistisch. Doch die beiden Bilder markieren nicht nur das Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Was sie verbindet, ist ihre Berliner Herkunft. Damit repräsentieren sie eine Eigentümlichkeit der in Preussen entstandenen Kunst, nämlich die "Verbindung zwischen Inspiration und Strenge, Phantasie und Disziplin".

Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hat sich zumindest die Schau "Kunst und Kunsthandwerk in Preussen" in der Galerie Pels-Leusden geeinigt. Mit etwa 300 Objekten aus der Zeit des Großen Kurfürsten bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten will sie "an die produktiven Seiten preussischer Vergangenheit" erinnern. Dabei warten die Aussteller mit einigen wichtigen Namen auf. So ist Antoine Pesne, Hofmaler unter drei Königen von Friedrich I. bis Friedrich dem Großen mit einer seiner Werkstatt zugeschriebenen Replik des Porträts der Königin Elisabeth Christine von Preussen aus dem Charlottenburger Schloß vertreten. Ein bürgerliches "Porträt einer Dame" (24 000 Mark) zeigt hingegen eine fein schraffierte Rötelzeichnung von Daniel Chodowiecki, die um 1780 entstanden ist.

War Antoine Pesne als hervorragende Künstlerpersönlichkeit seiner Zeit auch schulbildend, so verdankt sich die Ausbildung einer "preussischen Kunst" nicht zuletzt Daniel Chodowieckis Betreiben, die Akademie im Geiste der Aufklärung zu reformieren und die Grenzen zwischen bildender und angewandter Kunst aufzuheben. Karl Friedrich Schinkel gehört hierbei zu den Protagonisten. Nach seinen Entwürfen schuf Johann Georg Hossauer, einziger "Goldschmied Sr. Majestät" Friedrich Wilhelm III., 1845 eine silberne "Deckelterrine auf Plateau". Bereits 1796 führte die Königliche Porzellanmanufaktur Johann Gottfried Schadows berühmte "Prinzessinengruppe" in Biskuitporzellan aus, die in einer neuzeitliche Ausformung zu sehen ist (20 000 Mark).

Den umgekehrten Weg von der angewandten zur bildenden Kunst zeigt ein geradezu detailversessenes Früchtestillleben (52 000 Mark) des KPM-Malereivorstehers Gottfried Wilhelm Völcker von 1818. Dieselbe Akkuratesse findet man auch in den Arbeiten des ebenfalls aus der Schule der KPM hervorgegangenen Eduard Gärtner. Sein Gemälde des "Hôtel St. Petersbourg, Unter den Linden" aus dem Jahre 1843 zeugt von der Bedeutung des Malers für die Berliner Vedutenmalerei.

Ab der Mitte des Jahrhunderts wirkt dann Adolph von Menzel als Solitaire in der ansonsten genreseligen Berliner Kunst. Im Sinne fontanescher Beschreibungskunst verbildlicht er in einer Tuschfederzeichnung um 1891 das müßige Treiben einer Familie in einer "Kaffeehausszene" (Preis auf Anfrage). Doch nicht nur die bürgerlichen Lustbarkeiten der Zeit sind Thema der "preussischen Kunst", sondern auch die Repräsentation der herrschenden Klasse. Künstler wie Anton von Werner und Reinhold Begas stehen für diese andere Linie, die dem strotzenden Selbstbewußtsein der Kaiserzeit ein offizielles Bild verleiht.

Lovis Corinths Bildnis seines Sohnes "Thomas in Rüstung" von 1912 scheint vor diesem Hintergrund nicht nur die wilhelminische Kunst zu konterkarieren: Preussischer Militarismus gerät hier zur Maskerade. Corinth war es auch, der Berlin den Ruf als Kunst-Hauptstadt des deutschen Reiches verschaffte und die preussische Kunst mit dem Berliner Kunstschaffen synonym setzte. Dem bereitete der Nationalsozialismus ein jähes Ende, wie John Heartfield in einer Fotocollage eines Erschlagenen auf dem Hakenkreuz 1933 gleichsam prophezeit. Sein in diesem Panorama der schönen Künste ein wenig disparat wirkendes "Mörderkreuz" im Kontrast zu Liebermanns "Spaziergängern" im sommerlichen Tiergarten von 1921 verleiht den Begriffen Idealität und Phantasie angesichts des nahen Untergangs eine ganz andere Dimension.Galerie Pels-Leusden, Fasanenstr. 25, bis 17. November; Montag bis Freitag 10-18.30 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr. Katalog 30 Mark.

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