Kultur : Priesterin des hohen Tons

Jörg Königsdorf

Es sind die größten sieben Minuten, die die an pathetischen Momenten nicht gerade arme Operngeschichte zu bieten hat: Jedes Mal, wenn eine Sängerin es wagt, sich Bellinis "Norma" und damit der Herausforderung des "Casta Diva" zu stellen, muss sie gegen die Schatten aller Operndiven von Giuditta Pasta bis Maria Callas ankämpfen. Zentnerschwer lasten diese Schatten auf jeder Norma und erhöhen die Anspannung der ohnehin schon horrend schweren Arie ins Unerträgliche. Jeder im Publikum merkt, dass in diesem Moment das Schicksal des Abends auf dem Spiel steht, kein Räuspern ist vernehmbar, aller Aufmerksamkeit ist auf die eine Gesangslinie gebannt.

In der Neuinszenierung von Bellinis Meisterwerk an der Berliner Lindenoper ist Inga Nielsen die Norma - eine der wenigen wirklichen Sängerdarstellerinnen der Opernbühne. Auch bei ihr ist die Befangenheit zunächst fast überdeutlich hörbar. Eben noch hatten ihr schon wenige Sätze, im Grunde schon die schiere gebietende Präsenz gereicht, das Tragödienformat der gallischen Druidenpriesterin zu umreißen, doch hier setzt sie zunächst jeden Ton so übervorsichtig, als könne er zerbrechen. Und doch ist es gerade dieses Singen an der Obergrenze der stimmlichen Möglichkeiten, das fasziniert: Die Nielsen erkämpft sich diese Rolle aller Rollen, der Innendruck, der die fragile, tastende Melodie auflädt, verrät nicht nur das, sondern intensiviert zugleich auch den quälenden Konflikt der Norma zwischen der Liebe zum römischen Besatzer und der Pflicht gegenüber dem eigenen Volk.

Das "Casta Diva" balanciert auf Messers Schneide - und für Momente scheint es tatsächlich, als würde es abstürzen: im wackeligen Angang zur Vokalisen-Kette am Ende der beiden Strophen, in denen kein kontrolliertes Crescendo bis zum hohen B, sondern nur noch ein Herausschreien möglich ist. Doch erster Beifall, noch schüchterne Bravos zeigen, dass die Klippe genommen ist - spätere, vereinzelte Buhs beim Schlussvorhang tangieren das nicht.

Von hier ab gewinnt Inga Nielsen kontinuierlich an Sicherheit, schreitet den ganzen Charakterradius der Norma aus: Das ist hinter der majestätisch silberglänzenden Forte-Fassade ihres Soprans eine zerbrechende Frau, deren weiche, anrührend geratene pianissimo-Passagen (herzbrechend im Schlussduett "Qual cor tradisti") immer wieder die eigene Schwäche verraten und den heroischen Aufschwung zur Selbstanklage der Schluss-Szene umso größer erscheinen lassen. Einzelne, nicht voll getroffene Spitzentöne stören da weit weniger, als sie es bei einer reinen Belcanto-Sängerin getan hätten - hier sind es Ecken und Kanten, die sich zum Charakterprofil einer Sängerdarstellerin addieren, so wie sich Persönlichkeiten gerade in ihren Fehlern zeigen.

Gegenüber dieser beherrschenden Figur hat es jeder andere Sänger schwer, sich zu behaupten. Doch es ist das zweite Ereignis des Abends, dass es der jungen Bulgarin Petia Petrova gelingt, neben Nielsen zu bestehen. Ihre Adalgisa ist in vielem das genaue Gegenteil der Norma: aus einer Überfülle der stimmlichen Mittel heraus gesungen bis hin zum krönenden, kraftvollen hohen C im Duett mit Norma am Ende des ersten Aktes. Mit farbkräftig strömendem Mezzosopran und makellos sitzender Koloratur markiert sie vom ersten Ton an den vokalen Altersunterschied zur Hohepriesterin. Wo Nielsen auch Härten einsetzt, um Verhärtungen zu zeigen, besitzt die Stimmschönheit ihrer Konkurrentin um die Liebe des Prokonsuls Pollione einen naiven Reiz, der jede zusätzliche szenische Erklärung des Dreiecksverhältnisses überflüssig macht.

Allein diese beiden Sängerinnen tragen den Abend. Pollione, der dritte im Bunde, bleibt blass. Francisco Araiza, seit einem Vierteljahrhundert als Startenor gleich hinter den "großen Drei" geltend, versucht die Rolle an Berlins Staatsoper zum ersten Mal. Der Pollione lässt sich zum überwiegenden Teil aus der tenoralen Mittellage heraus singen: Die besitzt bei Araiza noch immer ansprechend dunklen Glanz. Dennoch scheitert er - an der einzigen großen Hürde, dem hohen C in seiner Auftrittsarie. Das setzt Araiza jämmerlich in den Sand, und mit diesem einen Ton fällt der ganze machohaft stoische Charakter in sich zusammen.

Wie nur wenige andere ist die "Norma" eine Sängeroper, über deren Erfolg allein die Hauptpartien entscheiden. Deutlich setzen Bellini und sein Librettist Felice Romani die Haupt- und wenigen Nebenrollen gegeneinander ab: Die Getreuen Clotarco (Stephan Rügamer) und Clotilde (Brigitte Eisenfeld) sind bloße Stichwortgeber, auch Normas Vater Oroveso ist - trotz zweier schöner und von Kwangchul Youn würdig gesungener Arien - weitgehend auf klangvolle Präsenz beschränkt. An dieser Dominanz wird auch an der Staatsoper nicht gerüttelt, obwohl sich das Haus bemüht hatte, den Dirigenten des Abends, Michael Gielen, ins Zentrum des Interesses zu rücken.

Gielens "Norma" ist nicht anders geworden, als man es von diesem Vorkämpfer zeitgenössischer Musik erwarten konnte: eine kalte, intellektuelle Angelegenheit. Unnachgiebig gegenüber den Sängern zieht Gielen seine durchweg raschen Tempi mit eiserner Konsequenz durch, meißelt mitunter fast brutal die Formkonturen heraus. Ohne Verweilen in Einzelschönheiten gewinnt seine "Norma" so einen einzigen großen Zug auf den finalen Feuertod Normas und Polliones hin. Das hat zwar Größe, doch keine Wärme, selten nur erlaubt Gielen den Staatskapellen-Musikern, aus dem (hochgefahrenen) Graben heraus eigene Farbakzente zu setzen.

Am Ende ist auch diese zweite große Staatsopern-Premiere ein Erfolg geworden. Ein großer sogar, denn eine "Norma" kann nur siegen oder scheitern.

Und eine Regie hat es wohl auch noch gegeben. Eine Frau namens Annegret Ritzel, Intendantin am Stadttheater Koblenz, soll laut Programmzettel dafür gesorgt haben, dass alle wissen, wann sie auf- und abtreten müssen. Und hat wohl auch dem Chor gesagt, in welcher Aufstellung er am dekorativsten wirkt.Nächste Vorstellungen am 4., 7., 13., und 18. November.

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