Kultur : Prinz, Prinzessin, große Liebe

John Adams, uraufgeführt in der Philharmonie

Jörg Königsdorf

Bollywood bei den Berliner Philharmonikern: Leuchtend orange schimmert das Hemd des Märchenerzählers, die Saris der Tänzerinnen prangen voller Goldstickereien, und das Podium erstrahlt in schönsten Bonbonfarben. Damit das Publikum in Stimmung für das fernöstliche Weihnachtsmärchen kommt, wird in der Philharmonie das gesamte ITB-Indien aufgefahren. Was zur Musik passt: „A Flowering Tree“, das neue Oratorium von Amerikas Komponistenstar John Adams, hat zwar musikalisch nichts mit dem Subkontinent zu tun, perlt, flimmert und rieselt aber zwei Stunden lang in so zuckersüßen Tonlagen, dass es gut als Soundtrack für einen Bollywoodfilm herhalten könnte.

Adams kennt keine falsche Scheu vor großen Gefühlen und opulenten Inszenierungen: Prinz und Prinzessin, deren rührende Geschichte in passionsspielartigen Szenen nacherzählt wird, dürfen ihre Liebe in so hemmungsloser Emphase proklamieren, dass manches Musical dagegen spröde klingt. Auch zeitgenössische Musik, lernt man verwundert, kann die Menschen nicht nur in ihrer Zerrissenheit und Komplexität zeigen, sondern auch schlichter, als sie eigentlich sind.

Dabei hatte dieser blühende Baum eigentlich ein Werk im Geiste der „Zauberflöte“ werden sollen: Für sein Wiener Festival „New Crowned Hope“ hatte Regisseur Peter Sellars ein Libretto über den alten indischen Märchenstoff geschrieben, in dem ein Prinz und eine Prinzessin vorkommen – genau wie bei Mozart. Weitere Gemeinsamkeiten sucht man allerdings vergeblich. Wo die „Zauberflöte“ die Figuren in ein universelles Spannungsfeld von Gefühl und Vernunft stellt und jeden bei seinem Kampf um ein ihm gemäßes Leben verfolgt, bleibt die Mär um das Mädchen, das sich in einen Baum verwandeln kann, herzlich simpel. Den Status singender, mithin leidensfähiger Menschen gestehen Adams und Sellars ohnehin nur dem hohen Paar zu. Alle potenzielle Bösartigkeit wird dem Chor anvertraut, der seine Einwürfe bizarrerweise auf Spanisch vorbringt – ein Multikulti-Farbtupfer oder bloß ein Überbleibsel der Wiener Uraufführung im November, bei dem ein venezolanischer Jugendchor den Part übernahm? Dazu stellen ein paar javanesische Tänzer die Geschichte pantomimisch dar. Wenn’s denn sein muss.

Mehr noch als sein einstiger Kampfgefährte und Opernvielschreiber Phil Glass, der die komplexen Patterns der Minimal Music in den letzten Jahren zum stadttheaterkompatiblen Baukastenprinzip vereinfachte, hat Adams in den letzten Jahren eine Kehrtwende vollzogen. Die vertrackten Schichtungen fein gestanzter Klangflächen, die einst die Basis seiner Musik bildeten, spielen längst keine Rolle mehr. Geblieben sind von seiner hypnotischen Intensität nur ein paar rhythmische Grundmuster, die hie und da als emotionale Folie für ariose Gefühlsäußerungen dienen und je nach Heftigkeit des Ausschlags die jeweilige Grundstimmung markieren. Der berühmteste US-amerikanische Komponist ist heimgekehrt in den Schoß der Tradition. Nach dem Ethno-Weihnachtsoratorium „El Niño“ und seiner dritten, 2005 uraufgeführten Oper „Doctor Atomic“ schreitet Adams auf dem Weg zu einem Spätstil von orchestraler Opulenz und emotionaler Schlichtheit flott voran.

Für Interpreten bietet diese eineindeutige Musik kaum Profilierungsmöglichkeiten: Simon Rattle, die Philharmoniker und der einsatzfreudige Rundfunkchor tun, was sie können, die Solisten Jessica Rivera, Russell Thomas und Eric Owens füllen Adams’ melodische Bögen mit kraftvollen Stimmen. Verdaulicher wird der indische Rahmkäse dadurch nicht. Dann lieber Lebkuchen.

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