Kultur : Prinz Tausendfuß

Zum Finale ein Fest: Am Carrousel-Theater, Berlins Kinder- und Jugendbühne, endet die Ära Schöbel

Christoph Funke

Zu den geplagtesten Menschen auf der Weltbühne gehören die Intendanten. Das wusste schon Johann Friedrich Schütze in seinem vor 250 Jahren erschienenen „Hand- und Taschenwörterbuch des Theaters“. Nun verlässt mit Manuel Schöbel einer dieser Geplagten seine Berliner Bühne, das Caroussel Theater an der Parkaue. Hat er den Kampf gegen die „Launen, Cabalen und Hundsföttereien“ (Schütze) während seiner 14-jährigen Amtszeit bestanden? Ein Prinzipal wäre kein Prinzipal, wenn er solche Widrigkeiten fürchtete. Schöbel jedenfalls kann erhobenen Hauptes gehen, auch wenn ihn die fiebrigen Sparsamkeits-Anfälle der Berliner Haushälter mitunter bis an den Rand der Verzweiflung trieben. Sein Haus, das größte Kinder- und Jugendtheater Deutschlands, hat er mit Zähigkeit, Erfolg und Humor bewahrt und gesichert. Das Carrousel genießt Ansehen weit über die Hauptstadt hinaus; gemeinsam mit dem Grips Theater sichert es Berlin eine einzigartige Stellung im zeitgenössischen Schauspiel für Menschen ab drei Jahren.

Dabei war das Intendanten-Büro für Schöbel eher ein flüchtiger Ort. Der 1960 geborene, an der Humboldt-Universität ausgebildete Theaterwissenschaftler hat aus seiner Leidenschaft fürs Schreiben nie einen Hehl gemacht. Viele Märchen, Hörspiele, Musicals kommen aus seiner Feder, in denen Poesie und Realität eine spannungsvolle Verbindung eingehen. Schöbel gab dem Theater, was es an Sinnlichkeit, Abenteuer und komödiantischer Lust braucht. An einen Text wenigstens mag hier erinnert werden: Das Märchen „Prinz Tausendfuß“ machte die Stadtmauer als Ursache allen Übels aus, das Menschen erleiden müssen. Die Uraufführung war 1987 im Theater der Freundschaft, wie das Carrousel damals hieß, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer. Als die DDR-Kulturverantwortlichen zu spät bemerkten, welch ein Kuckucksei ihnen da gelegt worden war, wagten sie kein Verbot mehr.

Wenn ein Intendant und Autor auch noch Regie führt, ist das ein Idealfall. Denn mit Schöbel saß einer am Regiepult, der keine Umwege zu gehen und keine Kompromisse zu machen brauchte – und der seine Zuschauer, die Kinder und die jungen Erwachsenen, achtete und forderte. Natürlich hat Schöbel nicht in erster Linie die eigenen Stücke inszeniert. Das Carrousel brachte jungen Menschen verblüffend erfolgreich auch große klassische Texte nahe, darunter „Nathan der Weise“, „Kabale und Liebe“, „Frühlingserwachen“. Sogar eine zeitgenössische Oper, nach Wilhelm Hauffs „Der kleine Muck“ feierte an der Parkaue Erfolge.

Mit einer letzten Aufführung von „Romeo und Julia“ und einem temperamentvollen Fest verabschiedeten sich der Intendant und sein Team am Donnerstag von ihrem Publikum. „Romeo und Julia“ unter der Regie des Hausherrn ist der ehrgeizige Versuch, noch einmal alle Kräfte zu bündeln: Szenenbildner Frank Prielipp hat eine tiefe Schlucht durch die bis zum Horizont offene Bühne gezogen – eindringliches Bild für eine von Intoleranz, Hass und Gewalt zerrissene Welt. Wie schwer es ist, über Abgründe hinweg Liebe und Verstehen zu verteidigen, zeigt die Aufführung ohne Beschönigung. Das taten Schöbel und seine Mitarbeiter in jeder Inszenierung: Sie arbeiteten am „Brückenschlag“, an einem Spiel, das sich den Fragen des Lebens stellt und die Hoffnung verteidigt. 25 Inszenierungen waren bis Ende Juni im Repertoire, viele von ihnen gingen durch Gastspiele in andere Länder. Auch als Gastgeber des deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffens und als Mitgestalter von Gemeinschaftsprojekte (beispielsweise Theater in der Schule – TUSCH) hat sich das Carrousel bewährt.

Ab September wird das traditionsreiche Haus auf das Carrousel verzichten und einen kürzeren Namen haben: Theater an der Parkaue. Als Intendant zieht Kay Wuschek mit neuer Mannschaft ein, Oberspielleiter ist Sascha Bunge. Für die 56. Spielzeit des Kinder- und Jugendtheaters verspricht Wuschek 20 Inszenierungen: „Stoffe aus Übersee, Mythen aus vergangenen Tagen, Märchen, die jeder kennt, frisch übersetzte Texte, altbekannte Stücke, Klassiker aus 2000 Jahren.“ Eröffnet wird am 21. September mit einer Uraufführung: „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Grahame unter Regie von Sascha Bunge. Schon im August zeigt das neu gefügte Ensemble im Innenhof der Humboldt-Universität Shakespeares „Macbeth“ – in Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst.

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