Kultur : Prinzessin auf der Felge

Anja Osswald

Dem Berliner Kunstpublikum dürfte Vibeke Tandberg spätestens seit ihrem Filmbeitrag zur Berlin Biennale von 1998 bekannt sein: Die Künstlerin zeigte hier einen gefilmten Boxkampf mit sich selbst. Im Vergleich zur Mittelgewichtsklasse jener selbstreflexiven Arbeit wirken die beiden aktuellen Galeriepräsentationen bei c/o Atle Gerhardsen und Klosterfelde nahezu leichtfüßig und heiter. Atle Gerhardsen stellt die achtteilige Fotoarbeit "Princess goes to bed with a mountain bike" (2001) vor. Bereits im Titel klingt eine komisch-absurde Dimension an, die sich in den acht großformatigen Fotografien bestätigt. Sie zeigen die mit blonder Perücke als "princess" agierende Künstlerin, wie sie unter erkennbaren Mühen das Fahrrad durch ein Studio bugsiert, um schließlich mit demselben im Bett zu landen.

Hauptrolle im Comicstrip

Anders als in vorangegangenen Arbeiten Tandbergs, in denen das Rollenspiel immer auch eine Beschäftigung mit Fragen der geschlechtlichen und sozialen Identität beinhaltete, stand hier die pure Lust am Verkleiden und Abweichen vom alltäglichen Sinndiktat im Vordergrund. Sie habe, so sagt die Künstlerin, ganz bewusst ein absurdes Thema gewählt, um den Akzent auf die formalen Aspekte der Arbeit zu lenken. Wie wird Bewegung wahrgenommen und, vor allem, wie wird der Eindruck von Bewegung und Dynamik in unterschiedlichen Medien produziert und gesteuert? Das waren die Ausgangsfragen, die zum speziellen Arrangement der Fotografien geführt haben.

Die Reihung von Einzelfotos beschreibt die zeitliche Abfolge der story und ähnelt einem Comicstreifen. Ein Bild knüpft motivisch an das vorherige an, wobei die unterschiedlich großen Abstände zwischen den einzelnen Fotos die suggerierte Kontinuität immer wieder aufbrechen. An die Stelle von Linearität, wie sie eine filmische Präsentation suggerieren würde, treten Brüche und leichte Verschiebungen der Bildperspektive, die Tandberg durch eine Nachbearbeitung der Aufnahmen am Computer erzielt. Durch das Kopieren einzelner Bildausschnitte entstehen Überlappungen zwischen den Fotografien, welche die räumliche Distanz überbrücken und durch den realen Abstand hervorheben. Das Ergebnis ist ein eigentümliches Changieren zwischen Bewegung und Statik - eine Art Staccato mit Pausen.

Mit dem Versuch der Dynamisierung statischer Einzelbilder greift Tandberg auf eines der zentralen Themen der Moderne seit den Avantgarden des 19. Jahrhunderts zurück. Häufig waren es Bilderzyklen oder - man denke an die Fotopioniere Edward Muybridge und Henry Fox Talbot - zu Serien zusammengestellte Fotografien, mit denen die Darstellungen buchstäblich in Bewegung geraten sollten.

Dekonstruktion und Destruktion

Mehr als 100 Jahre nach Erfindung des Kinos und im Zeitalter digitaler Bildbearbeitung ist Tandbergs Anliegen jedoch anderer Art. Ihre Serie stellt eher ein Spiel mit der Illusion von Bewegung dar, gilt also in erster Linie der Bewegung, die im Kopf des Betrachters entsteht. Passenderweise nennt die Künstlerin das von ihr erfundene Genre "still movie". Die Pausen, die in den Räumen zwischen den Bildern konkrete Gestalt annehmen, funktionieren als gedankliche Leerstellen. Nach einem ähnlichen Prinzip ist die bei Klosterfelde gezeigte Serie der "Sunflowers" (2001) aufgebaut. Auch hier steht weniger das an sich banale Motiv - Tandberg als Blumenpflanzerin - im Mittelpunkt, sondern ein zeitlicher Vorgang, der sich in den insgesamt elf Fotografien erschließt. Es mag an der dominanten schwarzen Rahmung und der fehlenden digitalen Nachbearbeitung liegen, dass die Bilder anders als in der "Princess"-Serie trotzdem seltsam statisch bleiben. Anstelle von Interferenzen und spannungsvollen Wechselwirkungen nimmt der Betrachter eine etwas monoton wirkende Reihe ähnlicher und doch voneinander isolierter Fotografien wahr. Wenn die bei Atle Gerhardsen gezeigte Serie Tandbergs als Versuch einer Dekonstruktion von Bewegung aufgefasst werden kann, dann lässt sich "Sunflowers" als eine Form der Destruktion beschreiben. Die Serie zerfällt in eine Reihe von Stand-Bildern.

Lohnenswerter ist demgegenüber der 16-mm Film "Taxi Driver Too" (2000), der den zweiten Teil der Präsentation bei Klosterfelde bildet. Mit der für sie typischen Strategie der Maskerade schlüpft Tandberg hier in die Rolle des Taxifahrers Bickle alias Robert De Niro aus dem Film "Taxi Driver". Eine nächtliche Autofahrt durch New York, begleitet vom Soundtrack aus Scorseses Klassiker, wird zum Ausgangspunkt einer Reise ins Imaginäre: Bewegung als Vorlage für eine individuelle Traum- und Erinnerungsarbeit (Preise auf Anfrage).

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