Kultur : "Prinzessin Mononoke": Prinz Doppelherz

Doris Meierhenrich

"Mit ungetrübten Blick die Wahrheit sehen", ruft der junge Krieger Ashitaka sein Reiseziel über den Fluss. Vor ihm rast das Wasser durch das Kiesbett, um ihn herum schweigt der japanische Wald und vom Ufer gegenüber wirft ihm ein Mädchen im weißen Wolfspelz einen bösen Blick zu. Blutverschmiert ihr Mund, ein Messer funkelt in ihrer Hand, und die Augenbrauen spannen pfeilspitz eine misstrauische Linie unter ihre Stirn. Die tapferen Worte des Fremden beeindrucken sie kein bisschen, wahrscheinlich haben sie es gar nicht bis zu ihr geschafft und sind, kaum ausgesprochen, in der Strömung untergegangen. "Was willst Du hier?", ihre Frage hallt eiszapfenkalt über der Flut. Ungetrübten Blicks sieht man in der realistisch-märchenhaften Welt von "Prinzessin Mononoke" gar nichts und den direkten Weg über den Fluss nehmen die Antworten hier nie. Das ist das Unerwartete, Faszinierende an den scharf und detailliert gezeichneten Trickbildern des japanischen Anime-Meisters Hayao Miyazaki. Wahrheiten tauchen auf, schwimmen in eine Richtung davon und kommen aus einer anderen wieder - in veränderter Gestalt.

Ein Rieseneber wirbelt plötzlich als spinnenhaftes Monster aus zahllosen Würmern und Schlangen über die Wiesen; ein Waldgott äst tags friedlich als Hirsch und erhebt sich nachts als transparent schimmernder Drache über die Baumgipfel; Eboschi, die Herrin der Eisenhütte, gibt den Aussätzigen der Gesellschaft Zuflucht, aber verjagt die Tiere und Dämonen aus dem Wald. So einfach jede Filmfigur gezeichnet ist - und die Menschen erinnern alle an Miyazakis Erfolgsfigur Heidi aus den 70er Jahren - so kompliziert sind ihre Geschichten. Sie leben in Metamorphosen, in Widersprüchen zwischen Großmut und Hass. Und jede Station bekommt ihr eigenes Recht, denn ihr Zeuge ist Ashitaka, ein Mensch, der sehen will, aber nicht urteilt. Er selbst ist vom Bösen infiziert, das langsam auch seinen Körper verändert. Deshalb galoppiert er durch die Fremde und sucht nach dem Ursprung dieser dunklen Macht. Eigentlich müsste "Ashitaka" dem Film seinen Namen geben, denn er, nicht das Wolfsmädchen Mononoke, ist sein Zentrum, ein Kurier zwischen den Welten. Einmal lässt er sich in der Eisenhütte den Erzabbau zur Herstellung von Gewehrkugeln erklären, ein anderes Mal reitet er auf den weißen Wölfen, für die diese Kugeln bestimmt sind. Er begegnet allen Parteien in ihrem Streit um das Existenzrecht im Wald, folgt ihnen, erkennt immer ein Stückchen mehr, dass die Wahrheit viele Gesichter hat und Gut und Böse zwei Finger der gleichen Hand sind.

Dabei fließt viel Blut und rollt schon mal ein Kopf - für Kinder ist dieses Märchen kaum geeignet. "Prinzessin Mononoke" ist ein komplexes Geflecht aus Sagen, Flüchen, Visionen, Verwandlungen, technischen Belehrungen und einfachen Geschichten. Und bei aller Schablonenhaftigkeit der Sprache und allem Pathos der Gefühle, das Miyazaki in die immer gleichen Kulleraugen seiner Menschen einzeichnet, gelingt es ihm, zwischen den Welten und Zeiten zu schweben: zwischen der japanischen Samurai-Gesellschaft des 15. Jahrhunderts, einer zeitlos glitzernden Mythenwelt, in der die Götter als wilde Riesentiere den Menschen das Fürchten lehren, und einer technisierten Zivilisation, in der die Emanzipation keine Götter duldet neben sich.

In dieser Vielschichtigkeit liegt der Reichtum des Animationsfilms von 1997, der in Japan als erfolgreichster Film aller Zeiten gilt. Solange er die Augen in so viele Richtungen öffnet, wünscht man ihm das auch hier.

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