• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

"Prism Whistleblower" Edward Snowden : Der spannendste Film des Jahres

28.06.2013 20:11 Uhrvon
Auf der Datenautobahn. Der Whistleblower ist auf allen Bildschirmen präsent. Aber wo seine Reise hingeht, ist unklar.Bild vergrößern
Auf der Datenautobahn. Der Whistleblower ist auf allen Bildschirmen präsent. Aber wo seine Reise hingeht, ist unklar. - Foto: REUTERS

Die Fantasie läuft hinterher: Der Fall Edward Snowden fühlt sich an wie ein Kinothriller in der Tradition von James Bond, Mission: Impossible oder Bourne Identity – und ist doch ganz anders.

Was ist der wichtigste Film des Jahres? Das wissen wir schon heute. Zwölf Minuten und 35 Sekunden kurz, technisch schmucklos, gedreht am 6. Juni in Hongkong, läuft er nicht im Kino, kostet keinen Eintritt und ist doch weltweit zugänglich. Auf Youtube wurde „Prism Whistleblower“ mit dem Copyrightvermerk der Dokumentarfilmerin Laura Poitras bis zur Abfassung dieses Textes 1.733.569 mal geklickt. Und im schlichte acht Fragen umfassenden Interview mit dem „Guardian“-Mitarbeiter Glenn Greenwald äußert sich darin mit bestechender Klarheit, so idealistisch wie illusionslos, der über Nacht weltberühmte – oder für manche auch: berüchtigte – Edward Snowden.

Was ist der spannendste Film des Jahres? Das ahnen wir in diesen Tagen. Wie lange er allerdings dauert, wie tragisch oder auch hoffnungsfroh er enden und was er uns alle eines Tages kosten wird, das wissen wir nicht. Denn es ist die Wirklichkeit, die sein Drehbuch schreibt, und wir sind seine Statisten. Snowden, der „infrastructure analyst“ einer für US-Geheimdienste arbeitenden Firma, hat – nach bestem Gewissen und bewusst nicht anonym – durch seine unmissverständlichen Aussagen der Weltgemeinschaft einen beispiellosen Bewusstseinsschub verpasst. Indem er unwidersprochen die Geheimdienste Amerikas und Englands der elektronisch grenzenlosen Überwachung anklagt, reduziert er nichts Geringeres als den globalen Begriffsunterschied zwischen Demokratie und Diktatur. Und bringt damit geläufige Helden-Schurken-Zuordnungen beträchtlich durcheinander.

Held oder Verräter, Zeuge oder Täter: Die historische Rolle des soeben 30 Jahre alt gewordenen Edward Snowden bildet sich erst heraus – und schillert täglich neu. Nur dass er die Hauptfigur eines so finsteren wie faszinierenden Politthrillers ist, das ist klar. Eines Thrillers, der unsere Vorstellung von Science Fiction, die sich mit globaler, totaler und folglich totalitärer Kontrolle verbindet, bedrängend auf die Gegenwart anwendet. Wie seufzte der 1973 geborene Thriller-Autor Alex Berenson soeben in der „New York Times“? „Ich wollte, ich hätte ihn geschrieben.“

Die Fantasiemaschine Kino, für Allmachts- ebenso wie für Ohnmachtsfantasien zuständig, taugt zur Bewältigung der Sprengkraft von Snowdens Enthüllungen nur bedingt. Und zur Ausmalung der Folgen seiner gigantischen Mutprobe hat sie eher die üblichen Ingredienzen Mord und Totschlag zu bieten. Ein Ernstfall dieses Ausmaßes in der Realität ist neu. Wohl aber umkreisen Filme seit jeher alle möglichen und weniger möglichen Horrorszenarien, retten sich mitten im Morast politischer Unmoral in – zumindest Hoffnung zulassende – Cliffhanger und spielen Rollenwechsel durch, wie sie längst auch schon auf Snowden angewendet werden. Zum Beispiel: Kann jemand Held sein und Verräter zugleich?

Die klassischen Agententhriller-Helden, von James Bond bis Ethan „Mission: Impossible“ Hunt, tragen da eher wenig zur Erkenntnisgewinnung bei, gehören sie doch klar zu einem im Kern noch positiv dargestellten Apparat. Die frühen Bonds funktionieren als Assoziationsmaterial allenfalls insofern, als Edward Snowden derzeit nolens volens die einstigen Erzfeinde des Kalten Krieges, Amerika und Russland, aufeinanderhetzt. Aber den mutigen Whistleblower und den Schurken Blofeld mit der Kraulekatze trennen Welten, zumindest jenseits der Propaganda. Auch Tom Cruise bleibt in seinen Hightech-Missionen zumindest ideologisch überschaubar unterwegs. Manchmal gerät er zwischen die Fronten und muss sich, zahllose Finsterlinge beseitigend, rehabilitieren. Aber letztlich dient alle Action einem guten Zweck.

Da ist die dritte und jüngste Mainstream-Agentenserienfigur schon weitaus realitätskompatibler. Jason Bourne schlägt sich nicht nur mit einem dramaturgisch aufregenden Gedächtnisverlust herum, dessen Behebung der CIA extrem gefährlich werden kann. Sondern diese nunmehr böse Institution mobilisiert nun auch immer wieder ihre von einem lückenlosen Überwachungssystem gestützte Killermaschine. Im dritten Teil, „Das Bourne-Ultimatum“ (2008) verabredet sich Bourne alias Matt Damon mit einem „Guardian“- Journalisten in der Londoner Waterloo Station und schleust ihn per Mobiltelefon abenteuerlich am CIA-Überwachungssystem vorbei. Das erinnert durchaus an die komplizierte Begegnungsanbahnung Snowdens mit Greenwald. Im Film kann Bourne abtauchen, der Journalist wird erschossen. Möge die Realität mit den realen Helden sein.

Sie wollen wissen, was in Berlin läuft? Gönnen Sie sich an jedem Werktag 5 Minuten Lesespaß! Geben Sie hier einfach Ihre E-Mail-Adresse an, um den Newsletter ab morgen zu erhalten.

  • Berlin to go: täglicher Newsletter
  • morgens um 6 Uhr auf Ihrem Handy
  • von Chefredakteur Lorenz Maroldt
weitere Newsletter bestellen Mit freundlicher Unterstüzung von Babbel

Alle Folgen von Jam’in’Berlin

Tagesspiegel twittert

Weitere Themen aus der Kultur

Service

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de