Kultur : Privatsache Ost

Vom Westen unverstanden, sich selbst gegenüber unehrlich: Warum die Ostdeutschen so depressiv sind / Von Robert Ide

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Was ist der Unterschied zwischen einem ostdeutschen Optimisten und einem ostdeutschen Pessimisten? Der Pessimist sagt: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Der Optimist sagt: Doch, doch.

Die Laune ist schlecht, dort wo mal die DDR war – das merkt jeder, der in Brandenburg oder Mecklenburg unterwegs ist und den Leuten zuhört. Und sie wird immer schlechter, glaubt man den Erhebungen fast aller sozialwissenschaftlichen Institute (zuletzt etwa im Auftrag der „Volkssolidarität“) und den Hilferufen zahlreicher Politiker wie Matthias Platzeck oder Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Bewohner der immer noch neuen Bundesländer fühlen sich abgekoppelt und nehmen eine weiterhin geteilte West-Ost-Realität wahr, ein Leben erster und zweiter Klasse. Die erste Klasse scheint heute für viele Ostdeutsche so weit weg zu sein wie früher die Werbewelt des Westfernsehens. In weiter Ferne, so nah.

Woher kommt diese gedrückte Stimmung? Weshalb gedeiht die Hoffnungslosigkeit zwischen Fichtelberg und Kap Arkona derart, dass die überwundene Diktatur in Erinnerungen schöngefärbte Urständ feiert? Warum ist der Osten so anders?, fragen viele Westdeutsche noch 17 Jahre nach dem Mauerfall. Warum versteht niemand unsere Probleme?, fragen die Ostdeutschen. Die Antworten liegen so nah. Doch dazu braucht es mehr Interesse im Westen – und mehr Ehrlichkeit im Osten.

Bürger erster und zweiter Klasse. Das war einmal ein Schlagwort des Ostens gegen den Westen. Doch längst gibt es auch im Osten zwei Klassen. Die Trennlinie verläuft zwischen Gewinnern und Verlierern der Wende; die einen bauen sich neue Häuser in frisch gepflasterten Stadtvierteln, die anderen leben auf verfallenden, mit letzter Kraft in Schuss gehaltenen Bauernhöfen. Die Hecken zwischen den Grundstücken wachsen wieder höher, die Menschen dahinter beklagen den fehlenden Gemeinsinn. Die Illusion von einer Gesellschaft der Gleichen – einst von der SED verbreitet – wirkt fort.

Nicht immer, aber oft teilt sich Ostdeutschland zwischen Jung und Alt. 1,4 Millionen Menschen hat der Osten seit der Wende an den Westen verloren – gerade die jungen Menschen „machen rüber“. Die Flexiblen, die gut Gebildeten, die Frauen – sie gründen dort Familien und Firmen. Es gehen genau jene Leute, die eine Gesellschaft braucht, um Hoffnung zu schöpfen, um etwas aufzubauen. Sie hinterlassen vergreisende Dörfer, in denen erst die Betriebe dichtmachten, dann die Kneipen. Jetzt sind die Schulen dran: Allein in Sachsen werden 800 geschlossen. Viele Westdeutsche interessiert das nicht, dabei dürfte der globale Kapitalismus das Problem bald auch in ihre Heimat tragen.

Nicht wenige der Zurückbleibenden flüchten sich in die Jammerei aus DDR- Tagen. Meckern, sich zurückziehen, nicht mehr teilnehmen, sich durch Trotz verweigern. Dieses Ritual wurde im ostdeutschen Alltag lange eingeübt. Zu DDR-Zeiten war es wichtig, das Private auszuweiten, um die eigene Freiheit zu vergrößern, um Grenzen, die der allgegenwärtige Staat gesetzt hatte, langsam zu verschieben. Das konnte schon durch Zwischentöne geschehen. Als in meiner Kindheit ein Fleischerladen in Berlin-Pankow geschlossen wurde, hing an den heruntergelassenen Rollläden ein Schild: „Wir sind umgezogen – nach gegenüber.“ Doch auf der anderen Straßenseite fand sich kein Geschäft, auch in den Parallelstraßen nicht. Erst später begriff ich: Der Fleischer war in den Westen übergesiedelt. Gegenüber hieß drüben.

Heute haben sich Zwischentöne erübrigt, im öffentlichen Raum wird alles direkt gesagt, gefordert, im Konflikt ausgetragen. Viele Ostdeutsche kommen damit nicht zurecht, den Parteienstreit der Berliner Republik und die Amtssprache der neuen Bürokratie verstehen sie nicht. Ansprüche klar zu formulieren und sich etwa mit der BfA um eine Kur zu streiten, das wird schnell als Demütigung empfunden. So wie Arbeitslosigkeit eine tägliche Demütigung bleibt.

Natürlich hat die Missstimmung im Osten viel mit der Pleite der Planwirtschaft zu tun, mit dem – selbst gewählten – übergangslosen Beitritt zum Wirtschaftswunderland. Noch einmal 20 Jahre werden bis zu einem sich selbst tragenden Wirtschaftsaufschwung in Ostdeutschland vergehen – wie Wolfgang Tiefensee, Quotenossi in Merkels Kabinett, es vorrechnet. Immer noch verfügen ostdeutsche Haushalte nur über die Hälfte des Vermögens westdeutscher Haushalte, die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch. Der aktuelle Aufschwung geht an den liebevoll renovierten, aber kaum belebten Kleinstädten im Erzgebirge und der Altmark vorbei. All das ignorieren Westdeutsche gern, wenn sie fragen, wie lange sie noch Solidaritätszuschlag zahlen müssen (und dabei vergessen, dass die Ostdeutschen das auch tun).

Der Osten fühlt sich vom Westen unverstanden. Aber er versteht sich auch selbst nicht. Unsicher ziehen sich viele Menschen in ihre Privatnischen zurück, die sie sich zu DDR-Zeiten eingerichtet und nun mit neuen technischen Geräten ausgestattet haben. Erst wenn der Osten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und sich damit in die Öffentlichkeit wagt, wird er nicht mehr als halber Teil eines noch nicht ganzen Landes wahrgenommen.

Bislang aber werden selbst im Privaten nicht die Fragen gestellt, die für ein solches Selbstbewusstsein nötig wären. Wie sehr die Stasi auch in die Privaträume der Menschen vordrang – was der Film „Das Leben der Anderen“ eindrucksvoll zeigt –, an den Gartentischen und bei Familienfesten fällt bis heute keine Wort über die 90 000 hauptamtlichen und doppelt so vielen inoffiziellen Mitarbeiter. Die Tante könnte ja dabei gewesen sein.

Um heiklen Themen zu entgehen, regen sich Jung und Alt lieber gemeinsam über die Arroganz des Westens auf: Nur so lässt sich die Illusion vom einen Osten aufrechterhalten, von dessen sozialen Werten der Westen sowieso keine Ahnung habe. Kritische Nachfragen, was früher alles nicht möglich war, fallen weg. Eingeübtes Schweigen, auch das ein Erbe des DDR-Alltags, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Der Weggang vieler Jüngerer ist auch eine Flucht vor diesem Schweigen; vor der gebückten Haltung der Älteren, die den aufrechten Gang gelernt haben wollen, sich nun aber in der Ostalgie einrichten.

Dabei gibt es längst bekannte Wahrheiten; die Ostdeutschen müssten sie einander nur eingestehen. Wie können wir die Kinder halten?, fragen sich die Eltern in ihren Nischen. Verrate ich mit meinem Erfolg die Eltern?, fragen sich die Kinder an den Ossi-Stammtischen in Frankfurt am Main und Stuttgart, die ständig größer werden. Doch bei Familientreffen werden diese Fragen ausgespart. Es gibt keine Gleichheit zwischen Eltern und Kindern: Hartz IV trifft auf eine kokette Form der Geldverschwendung, ein ausgedünnter öffentlicher Busverkehr auf Taxifahrten zum Biergarten. Es könnten die eigenen Eltern sein, die wegen der Praxisgebühr nicht mehr zum Arzt gehen – also besser nicht fragen. Nicht einmal Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht öffentlich über die Zustände in ihrer Heimat.

Dass die Freiheit, die man aus eigener Kraft erlangt hat, ein Glück sein kann, auch wenn es nicht vollkommen ist – darum könnte es bei gemeinsamen Gesprächen gehen. Aber der Stolz, den Umbruch mit friedlichen Mitteln ertrotzt zu haben, kommt im Selbstverständnis vieler Ostdeutscher zu kurz. Wichtiger bleibt für viele die verstörende Erfahrung, wie sie danach von Firmen, Vermietern und Krankenkassen behandelt wurden. Die Debatten um faule Arbeitslose gehen an der Realität im Osten vorbei, sie verletzen all jene, die sich von Umschulung zu Umschulung gehangelt haben. Ebenso weh tut die Erkenntnis, dass einstmalige „Helden der Arbeit“ von ihren Kindern in aller Stille verlassen werden, wenn die anderswo einen Ausbildungsplatz bekommen. Zurück bleibt im besten Falle ein Stolz auf die Erfolge der Jüngeren – so schlecht kann die Erziehung dann doch nicht gewesen sein.

Das Schlimme ist: Es sind jene Ostdeutschen frustriert, die mit dem Ruf „Wir bleiben hier!“ erst Reformen und dann die Reisefreiheit erzwungen haben, die mit Hämmern auf die Mauer einschlugen, um sie brockenweise nach Hause zu schleppen – und dafür in der ganzen Welt Solidarität und Applaus ernteten. Auch heute gibt es Proteste, doch gegen die Hartz-Gesetze demonstrieren die ostdeutschen Verlierer für sich allein – und ohne Erfolg. Die Jüngeren, die es geschafft haben und wie Westdeutsche leben, sind diesem Teil der Wahrheit zu lange ausgewichen.

Der Osten muss das Erzählen lernen. Nur so kann er sich selbst verstehen. Und sich besser verständlich machen.

Der Autor, 31, Tagesspiegel-Redakteur, wurde im sächsischen Marienberg geboren und ist in Berlin-Pankow aufgewachsen. Im März erscheint sein Buch „Geteilte Träume – Meine Eltern, die Wende und ich“ im Luchterhand Literaturverlag (www.geteilte-traeume.de).

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