Kultur : Pro Kopf ein Zimmer

Zukunft des Wohnens: Das Bauhaus-Archiv rekonstruiert Gropius’ Werkbund-Schau von 1930

Jens Müller

Die Sehnsucht der Menschen nach dem trauten Heim im Grünen hat eine ebenso lange Geschichte wie der Kampf der Architekten gegen die Vorstadthölle. Schon 1930 stellte Walter Gropius, der sich zwei Jahre zuvor von der Leitung des Bauhauses verabschiedet hatte, die Frage: „Ist das dem Landleben entlehnte Einfamilienhaus mit Garten für die nach der Natur sich sehnende städtische Industriebevölkerung in jeder Beziehung die ideale Lösung?“ Seine Antwort: „Nein“. Noch im gleichen Jahr setzte er diesem Traum auf der epochalen Pariser Ausstellung des Deutschen Werkbundes sein Konzept eines zehngeschossigen „Boardinghouse“ entgegen.

Einen guten Eindruck von seiner Vision kann man derzeit im Berliner Bauhaus-Archiv gewinnen, das die historische Ausstellung rekonstruiert hat. Präsentationen zum Werkbund hat es in dessen 100. Jahr einige gegeben, diese hier zeichnet sich aus durch den konzentrierten Blick auf ein singuläres Ereignis. Die Ausstellungsmacher haben immerhin drei der fünf Säle wiederhergestellt, mit denen Gropius einer staunenden Pariser Öffentlichkeit zeigte, wie er sich die Zukunft des Wohnens vorstellte. Die traditionelle Familienstruktur sollte bald überwunden sein; die Gesellschaft würde sich zu einer genossenschaftlichen Verfasstheit entwickeln. In Gropius’ „Boardinghouse“ musste den Bewohnern deshalb nur ein individuelles Zimmer pro Kopf genügen; sie würden ohnehin viel mehr Zeit in dem sich über ein ganzes Geschoss erstreckenden Gesellschaftsraum verbringen.

Dieser sehr mondän und kein bisschen sozialistisch anmutende Raum war das Herz der Ausstellung 1930 und ist es auch 2007. Es gibt dort ein frühes Fitnessstudio mit Schwimmbad, aber auch Bibliothek, Grammophon und Tanzfläche – und einen chromblitzenden Tresen, der auch heute jeder Metropolen-Bar alle Ehre machen würde. Das Bauhaus-Archiv hat ihn nachbauen lassen und will dort bald Getränke ausschenken. Die Besucher können Platz nehmen und erleben, was einmal ihre Zukunft war. Alte Fotografien, historische Möbel und deren benutzbare Nachbauten sind auf kluge Weise kombiniert. Die gleichermaßen lehrreiche wie sinnliche Schau hätte daher mehr verdient als nur ein nur 32-seitiges Begleitheft.

Ein Vierteljahrhundert nach der Pariser Ausstellung haben übrigens die internationalen Architekten des Berliner Hansaviertels Gropius’ Idee von Gemeinschaftsetagen in Hochhäusern wieder aufgegriffen. Weitere 50 Jahre später werden dort die Gesellschaftsräume von den Bewohnern noch immer nicht angenommen. Gropius war seiner Zeit wirklich sehr weit voraus. Jens Müller

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 7. April 2008; Mi bis Mo, 10 – 17 Uhr

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