Pro & Contra : Streit ums Weltkulturerbe Pergamonmuseum

Umbaupläne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für das Pergamonmuseum: Gehören die Fenster zum Stadtbahnsaal oder kann man auf sie verzichten? Ein Pro & Contra.

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Lichtes Erbe. Der Stadtbahnsaal beherbergt zurzeit die Schätze von Tell Halaf. Der Plan, vor den Fenstern die Fassade des M’schatta-Kastells zu platzieren, ist umstritten.
Lichtes Erbe. Der Stadtbahnsaal beherbergt zurzeit die Schätze von Tell Halaf. Der Plan, vor den Fenstern die Fassade des...Foto: Paul Zinken

Warum die Fenster zum Stadtbahnsaal gehören

Wer mit den Augen blinzelt, könnte meinen, es ist die Bagdadbahn, die da alle paar Minuten am Nordflügel des Pergamonmuseums vorbeirumpelt. Für die Besucher der Ausstellung „Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf“ wird die Berliner S-Bahn zum legendären Orientexpress, gerade so wie zu Zeiten des Hobbyarchäologen Max von Oppenheim, der den Schatz in Blickweite der Eisenbahn ausgrub. Die schöne Ausstellungsdramaturgie lenkt die Aufmerksamkeit zugleich auf jene Fensternischen, um die jetzt so heftig gestritten wird. Sind sie es wirklich wert, dass für ihre Erhaltung ein neues Ausstellungskonzept ausgehebelt wird: die dauerhafte Aufstellung der M’schatta-Fassade vor exakt jenen Fenstern?

Für Besucher der „Tell Halaf“-Ausstellung muss die Antwort „Ja“ lauten. So charmant präsentiert sich der Saal zurzeit, mit einem einmaligen Blick nach draußen, wie es ihn in den anderen großen Antikensammlungen der Welt nicht gibt. Ein wichtiger Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes Museumsinsel wäre unwiederbringlich vernichtet.

Ausstellungsräume, die die Außenwelt abschirmen, gibt es zur Genüge. Die Präsentation von Kunst ist wechselnden Moden unterworfen, hier jedoch hat sich dank der besonderen Nachkriegsgeschichte die Originalsubstanz erhalten. Und: Der Stadtbahnsaal erzählt deutsche Museumsgeschichte, wurde hier doch gewissermaßen der White Cube erfunden. Ursprünglich sollte in den Nordflügel nämlich das „Deutsche Museum“ einziehen, mit romanischen und gotischen Gewölben, wie es damals üblich war. Zehn Jahre später, 1926, wurde jedoch das genaue Gegenteil realisiert. Eine weiße Flachdecke wurde eingezogen und zu den Fenstern hin entstanden die „Kapellen“ genannten Fensternischen. Die Umbaupläne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellen sie wieder zur Disposition.

Befürworter der neuen Lösung sagen zu Recht, dass auch ein Museum mit der Zeit gehen muss. Aber es ist zugleich ein Zeugnis der Kulturgeschichte. Hier gilt es abzuwägen, die Ablehnung des Landesdenkmalrates auch aus Respekt vor dem Welterbestatus kommt also im richtigen Moment (Tsp. vom 22.3.). Gleich nebenan, im Neuen Museum, hatte der Streit um David Chipperfields Entwürfe gezeigt, dass historische Bausubstanz keineswegs unantastbar ist, sondern es darauf ankommt, wie man das Original verändert.

Für die Museumsleute mag es eine bittere Pille sein, dass nach längst erteilten Genehmigungen alles wieder von vorne beginnen soll. Dabei geht es vorerst nur um die Platzierung der M’schatta-Fassade, die ja auch auf die den Fenstern gegenüberliegenden Seite wandern könnte – und dort sogar natürliches Licht erhielte. Dass die reich geschmückte Front des frühislamischen M’schatta-Kastells aus dem 8. Jahrhundert damit ins Abseits geriete, mag man kaum glauben. Ausstellungsarchitekten sind es gewohnt, raffinierte Lösungen zu ersinnen. Auch für das Wüstenschloss im Stadtbahnsaal fällt ihnen bestimmt etwas ein. Nicola Kuhn

Warum die Fensternischen verzichtbar sind

Als das Pergamonmuseum 1930 eröffnet wurde, entsprach das Gebäude nicht mehr den Planungen, die der früh verstorbene Alfred Messel mehr als zwei Jahrzehnte zuvor verfasst hatte. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann machte den wuchtigen Bau leichter und gefälliger. Auch fehlte die Kolonnade, mit der Messel den Eingangshof zum Kupfergraben hin abschließen wollte; nicht aus planerischen Gründen, sondern schlicht aus Geldmangel. Im Inneren hatte es gleichfalls Veränderungen gegeben. Das „Deutsche Museum“ im Nordflügel hatte zwischendurch eine schmucklose, weiß gekalkte Galerie anstelle der historisierenden Einbauten erhalten.

„Museen sind lebende Organismen, die sich veränderten Bedingungen anpassen müssen“, hätten Hoffmann und die Museumsgewaltigen seiner Zeit entgegnen können. Tatsächlich stammt der Satz von Hermann Parzinger, dem heutigen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als der Dachinstitution der Staatlichen Museen. Ohne eine solche Anpassung wäre es nicht zum weißen Saal entlang der Stadtbahntrasse gekommen – einen Saal, den heutige Denkmalspuristen allen Ernstes als „Weltkulturerbe“ außerhalb jeder Veränderung gestellt sehen wollen. Die Museumsleute aber wollen dort, wo einst die Gemälde der deutschen Renaissance hingen, das Islamische Museum ausbreiten und mit ihm dessen Hauptstück, die Fassade des Wüstenschlosses M’schatta, die noch nie in ganzer Schönheit zu sehen war. Das aber hätte die Aufgabe der Fensternischen zur Voraussetzung.

Die Geschichte der Museen und ihrer Bauten ist ein integraler Bestandteil der Überlieferung. Ein Glücksfall, wenn ein Museum das Zeugnis seines eigenen Ursprungs bewahrt hat. Die Musealisierung des Museums allerdings kann kein allgemeingültiges Leitbild darstellen, schon gar nicht, wo das Museum beständigen Veränderungen unterworfen war. Genau das ist auf der Museumsinsel exemplarisch der Fall, und nicht allein, weil sie im Zweiten Weltkrieg aufs Schwerste zerstört wurde. Von diesen Zerstörungen legt etwa das Neue Museum, 65 Jahre lang eine traurige Ruine, beredtes Zeugnis ab – gerade weil es nicht vorgibt, der ursprüngliche Bau zu sein.

Im Pergamonmuseum ist durch den geplanten vierten Flügel zum Wasser hin ein vollständiger Rundgang vorgesehen – bisher hat der Besucherweg tote Enden. Schaustücke werden zu diesem Zweck umgeräumt, erhalten neue Plätze, zeigen sich nach neuesten Standards der Objektpräsentation. Ob die Fensternischen vermauert werden müssen, mag abgewogen werden. Nicht die Stadtbahn-Fensternischen sind das Welterbe, das es zu bewahren gilt, sondern die Gesamtheit des Pergamonmuseums einschließlich der Besonderheit seiner Sammlungen. Die Besonderheit des „lebendigen Organismus’“, von dem Hermann Parzinger spricht. Museal sind die Objekte, nicht die dienenden Fenster aus einer Zeit, die noch nicht über das geeignete Kunstlicht gebot, um die Exponate zum Strahlen zu bringen. Bernhard Schulz

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