Probleme in Pink : Frauen sind selber schuld

Bascha Mika bestreitet nicht, dass Strukturen den beruflichen Aufstieg von Frauen häufig verhindern. Nur interessiert sie das nicht. Die ehemalige "taz"-Chefredakteurin stellt ihre Kampfschrift vor.

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Auf Wiedersehen, Journalismus. Buchautorin Bascha Mika.
Auf Wiedersehen, Journalismus. Buchautorin Bascha Mika.Foto: ddp

Es muss eine Art morphisches Feld sein. Irgendwie liegt ziemlich brennend was in der Luft zum Thema Schlaffheit und Strenge. Schlaffheit (bzw. Strenge) in der Kindeserziehung. Schlaffheit (bzw. Strenge) bei der Umsetzung von geschlechtlicher Gleichberechtigung. Erst erfahren wir von Frau Sarrazin, dass Lehrer gefälligst ein bisschen strenger in der Schule durchgreifen sollen. Kurze Zeit später schlägt die Familienzeitschrift „Nido“ Ungleichberechtigungsalarm und veröffentlicht die Ergebnisse diverser Studien zum Thema Rollenverteilung, nach denen die „Mehrzahl der Paare in eine traditionelle Rollenverteilung“ zurückfällt, wenn das erste Kind kommt.

Der Vater verdient das Geld, die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kind. Das findet auch Bundesarbeitsministerin von der Leyen suboptimal und will eine Frauenquote für Führungspositionen in Wirtschaftsunternehmen einführen, weil die Männer beim freiwilligen Abgeben der Macht sich etwas zögerlich, also schlaff gerieren (in 90 Prozent der Unternehmen gibt es keine Frauen auf Vorstandsebene!). Im nächsten Moment starren alle mit fasziniertem Schauder in das Buch einer gewissen Amy Chua. Die amerikanische Mutter mit chinesischem Migrationshintergrund hat Karriere im Beruf gemacht (Juraprofessorin) und als drakonische Mutter ihren beiden Töchtern gleichzeitig „das Siegen beigebracht“. Allerdings musste sie dafür schon sehr streng sein, zu sich (keine Nanosekunde ohne Ehrgeiz), aber vor allem zu ihren Kindern (Tagesspiegel vom 2. 2.). Und jetzt veröffentlicht Bascha Mika, ehemalige Chefredakteurin der „Tageszeitung“, auch noch die Streitschrift „Die Feigheit der Frauen“, in der sie ihren Geschlechtsgenossinnen als Tigermama der Selbstverwirklichung streng entgegenfaucht: Seid nicht so schlaff! Schiebt die Schuld nicht auf „die Männer“ oder „das System“. Ihr selbst seid für eure „Vermausung“ verantwortlich, weil ihr das Risiko scheut und es euch lieber in der „Komfortzone“ der traditionellen Mutterrolle bequem macht.

Aber wie hängt das alles zusammen? Irgendwie eben. Das ist bei morphischen Feldern so üblich. Auf jeden Fall hat man auf dem Weg zur Buchpremiere in der Urania als Journalist das seltene Gefühl, ganz nah dran und dabei zu sein. Auf dem Kamm des Diskurses sozusagen. Was durch die raunende Ankündigung des Veranstalters – dieses Buch hat vor Erscheinen schon für viel Aufregung gesorgt – noch kribbelig verstärkt wird.

Man ist allerdings bei etwas ganz anderem dabei. Um es streng zu sagen: Beim Abtritt der Journalistin Bascha Mika und ihrer Wiedergeburt als Bestseller- und Talkshow-Tingel-Tante. Denn, ach: Wie richtig ihre Thesen, Befunde und Beobachtungen doch sind. Und wie plakativ, tendenziös und ranschmeißerisch sie das Ganze anrichtet.

Bascha Mika bestreitet natürlich nicht, dass die Strukturen in vielen Fällen den beruflichen Aufstieg von Frauen verhindern, die „Boygroups“, wie Moderatorin Luzia Braun es nennt. Auch nicht, dass es viel zu wenige Kitaplätze gibt und in Deutschland noch immer die Vorstellung herrscht, dass ein erfolgreicher Manager bis spät in die Nacht zu arbeiten hat, während es zum Beispiel in Schweden Usus ist, dass auch Führungskräfte um 17 Uhr Feierabend machen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Nur interessiert sie das berechtigterweise nicht. Sie interessieren die Selbstlügen der von Gleichberechtigung redenden Frauen, die zehn Jahre später als Hausfrauen im Reihenhaus aufwachen und achselzuckend sagen: Ist halt so passiert. Ist es eben nicht, so Mika. Sie haben sich an den biografischen Abzweigungen bewusst entschieden, zum Beispiel dem Partner wegen dessen Arbeit nachzuziehen und damit auf die eigene Karriere zu verzichten. „Warum?“, fragt Luzia Braun. „Aus Angst, den Partner zu verlieren“, sagt Bascha Mika. „Wir“, sagt sie, müssten uns dieser Angst bewusst werden, sie überwinden und in die Konflikte gehen, anstatt „zurückzuzucken“ und in der „zweiten Reihe“ stehen zu bleiben. So weit, so wunderbar.

Nur: Dieses „Wir Frauen müssen!“ ist eine Mogelpackung. Denn sie selbst hat ja nicht zurückgesteckt, zumindest nicht beruflich (oder ist Chefredakteurin der „taz“ zweite Reihe?) Die großen Selbstbetrügerinnen sind dann doch wieder die anderen, und auf die zeigt Bascha Mika mit ausgestrecktem Finger. Vor allem aus der Verachtung für die gut ausgebildete, aber nicht oder wenig arbeitende Mutter zwischen 30 und 40 macht sie keinen Hehl. Es ist nicht nur journalistisch unsauber, eine Frau erst zu interviewen und aus ihrem Leben berichten zu lassen, um nach deren abschließendem „Ich bin zufrieden“ ein nach pathetischer Pause kokett ins Mikrofon gehauchtes denunzierendes „Sagt sie“ folgen zu lassen. Es ist wohlfeil, sich noch einmal über das Bionade-Biedermeier vom Prenzlauer Berg lustig zu machen und die weibchenhaften Latte-MacchiatoMütter hämisch durch den Kakao zu ziehen (es heißt noch immer die und nicht der Latte macchiato und der Statussymbol-Kinderwagen übrigens Bugaboo. Recherche!?): Da wird auf jemanden eingetreten, der längst am Boden liegt.

Oder die maßlose Hassattacke gegen die Rosafizierung heutiger Kinderzimmer und Mädchenkleidung. Um brave Puppenkinder heranzuzüchten? Als würden sich Mädchen nicht von sich aus auf alles Pinkfarbene stürzen, obwohl (oder gerade weil?) zu Hause nur biologisch wertvolle Waldorf-Kleidung in Erdtönen die Schubladen füllt.

„Haben Sie eigentlich Kinder? Sie haben keine Ahnung, wovon sie sprechen“, ist der erste Einwand aus dem Publikum. Eine andere Frau sagt: „Kinderlose erfolgreiche Frauen, die nun ohne Familie alt werden. Da stellt sich die Frage des Neids.“ Dazu sagt Bascha Mika nichts.

Bascha Mika: „Die Freiheit der Frauen“. Verlag C. Bertelsmann, 256 S., 14,99 €

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