Kultur : Profil der Masse

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Jan SchulzOjala sorgt sich

um die Zukunft des Deutschen Filmpreises

Die Jury des Deutschen Filmpreises mag am Freitag mit ihren sechs Spielfilm-Nominierungen nur eine Vorauswahl getroffen haben – schließlich werden die Hauptpreise inklusive finalem Geldsegen erst im Juni vergeben. Tatsächlich aber hat die Wahl gerade dieser Kandidatenliste fast Bekenntnischarakter. Denn die Jury, die 2005 vom Plenum der Deutschen Filmakademie ersetzt werden soll, zeigt eindrucksvoll, wie sie ihren mit der Vergabe von staatlichen Millionen verbundenen Auftrag versteht. Sie dient laut Satzung dem „Ziel, den künstlerischen Rang des deutschen Films zu steigern“. Und erfüllt es. Mutig. Innovativ. Ja, experimentell.

Drei große Produktionen – „Gegen die Wand“, „Herr Lehmann“ und „Das Wunder von Bern“ – stehen drei kleineren gegenüber. Es sind dies Christian Petzolds „Wolfsburg“ und zwei fulminante Debüts: Sylke Enders’ Berliner Gören-Studie „Kroko“ und Marcus Mittermeiers ganz ohne Fördergeld produzierte Satire auf einen selbsternannten Ordnungshüter, „Muxmäuschenstill“. Margarethe von Trottas thematisch großkalibriges, ästhetisch aber arg umstrittenes Geschichtsepos „Rosenstraße“ dagegen hat die Jury cool ignoriert – na, wenn das keine Programmatik ist!

Je 250 000 Euro sind den Machern der nominierten Werke, auch und gerade den jungen und innovativen, jetzt schon sicher – gutes Geld, das sie in gute neue Filme stecken mögen. So funktioniert der Deutsche Filmpreis, und so soll er, auf dem Papier, auch in Zukunft funktionieren. Doch was, wenn bald ein amorphes Großgremium aus allerlei Vertretern der Branche anonym zur Abstimmung schreitet? Dann bestimmt zwangsläufig ein Massengeschmack die Wahl. Filme wie „Kroko“ oder auch „Muxmäuschenstill“, die pointierte Entdeckerfreude verlangen, dürften künftig beim Deutschen Filmpreis kaum mehr eine Chance haben.

Die frisch gegründete Deutsche Filmakademie strengt sich durchaus an, nicht nur als Einsacker und Weitergeber der Staatsmillionen dazustehen, sondern putzt sich derzeit auch als kreativer und kommunikativer Branchen-Fokus heraus. Ihre argumentative Hauptcrux aber bleibt bestehen – und die nun vielleicht letzte Entscheidung einer unabhängigen Filmpreis-Jury macht das Legitimationsdilemma nur noch deutlicher. Denn die Akademie nimmt dem Staat, mit seltsam freundlichem Einverständnis der zuständigen Ministerin, eindeutig kulturell zweckgebundenes Steuergeld aus der Hand. Und will zugleich glauben machen, dass mit ihrer eigenen Preisvergabe weitgehend nach Oscar-Modell kulturell im Wesentlichen alles beim Alten bleibe.

Doch zeigt das Vorbild Oscar gerade: Vor allen Filmen obsiegt hier grundsätzlich immer die Nivellierung, nicht das künstlerische Profil. Auch in Deutschland klettern daher womöglich bald jene Werke auf das Siegertreppchen, die das plebiszitäre Gefallen auch noch des letzten Filmsong-Komponisten und der letzten Make-up-Stylistin finden. Die Filmpreis-Jury dagegen, die manche schon länger als Auslaufmodell bespötteln, hat ein klares Zeichen gesetzt. Sie ist das Gremium, das zum Deutschen Filmpreis passt. So kulturell und staatsgeldgebunden wie er ist. Und wie er bleiben sollte.

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