Kultur : Programmierte Demontage

Venedig: Biennale-Chef tritt zurück – Aus für Moritz de Hadeln?

Jan Schulz-Ojala

Der politische Kampf um die Zukunft der wichtigsten Kulturinstitution Italiens, die Biennale von Venedig, geht zum Jahreswechsel offenbar in seine entscheidende Phase. Kulturminister Urbani hat eine „Reform“ durchgesetzt, die private Geldgeber auch in die Biennale-Entscheidungungsgremien integriert – die Opposition vermutet dahinter freilich das Ansinnen, nach dem Fernsehen, Verlagen und Zeitungen auch das seit 1893 bestehende kulturelle Paradestück Italiens dem Einfluss der Regierung Berlusconi zu unterwerfen. Neuester Vorgang: Der erst vor zwei Jahren berufene Biennale-Präsident Franco Bernabè hat soeben seinen Rücktritt angekündigt. Damit scheinen auch die Tage des seit 2002 amtierenden Filmfestspielchefs Moritz de Hadeln gezählt.

Im „Corriere della Sera“ begründete Bernabè seinen Rückzug gewohnt diplomatisch: „Ich habe die Biennale auf die neuen Statuten vorbereitet. Nun überlasse ich das Feld jemandem, der aus der Biennale seine Lebensaufgabe machen will“, sagte der einflussreiche Industrielle und frühere Telecom-Chef. Als aussichtsreichster Nachfolger für die Leitungsposition der Biennale, die neben dem Filmfest die renommierte Kunstbiennale sowie Theater-, Tanz- und Musikveranstaltungen verantwortet, wird in italienischen Medien derzeit Francesco Alberoni gehandelt. Alberoni bekleidet bereits Spitzenpositionen beim TV-Studio Cinecitta Holding sowie dem staatlichen Sender RAI und gilt als Exekutor der Interessen Berlusconis. Seine Bestallung wäre auch im Sinne des Kulturministers, der die Filmfestspiele ganz zum Schaufenster der – fernsehfinanzierten – italienischen Filme machen will. Die linke „Unità“ überschrieb die jüngsten Nachrichten lakonisch: „Biennale zerschlagen.“

Während mögliche Chefkandidaten eilig ihr Interesse an der Leitung eines künftig regierungsabhängigen Kulturappparats dementieren, wird Bernabè die Biennale mindestens noch bis zu einer Verwaltungsratssitzung am 7. Januar führen. Dort dürfte sich auch die Rolle des 63-jährigen Filmfestchefs Moritz de Hadeln klären, dessen Vertrag am 31. Dezember ausläuft. Er sei zunächst bereit, über die Jahreswende hinaus die „Kontinuität der Verwaltung“ wahrzunehmen, sagte er am Montag gegenüber dem Tagesspiegel. Dass de Hadeln, vor seinem Venedig-Engagement über 20 Jahre lang Chef der Berlinale, auch das Biennale-Filmfest 2004 verantwortet, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Kurz vor Weihnachten hatte Kulturminister Urbani de Hadelns Vertragsverlängerung per Telegramm an Bernabè verhindert. So muss die letzte Folge der „schäbigen telenovela“, wie der einstige Filmfestchef Carlo Lizzani die derzeit ebenso heftigen wie traurigen Ränkespiele nennt, erst noch geschrieben werden.

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