Programmnacht an der Akademie der Künste : Keine Zeit für Streit

Junge Maler, Schriftsteller, Komponisten treffen sich in der Akademie der Künste am Hanseatenweg.

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Gesang, Geräusch, Geschrei. Szene aus Özlem Alkis’ Performance „Dust Devil (work in progress)“.
Gesang, Geräusch, Geschrei. Szene aus Özlem Alkis’ Performance „Dust Devil (work in progress)“.Foto: Özlem Alkis

Weil hier so viel Kunst, so viele Ideen, so viele Menschen herumschwirren, bleibt kaum Raum zum Streiten. Dabei soll gestritten werden. Das gehört dazu, wenn Bildhauer, Filmemacher, Musiker, Literaten und Choreografen aus zehn Ländern aufeinandertreffen. In der Akademie der Künste am Hanseatenweg präsentiert sich der Stipendiaten-Jahrgang 2014 in einer Programmnacht, an die sich eine Ausstellung anschließt. 16 Künstler lebten und arbeiteten für eine Weile in Berlin oder waren in die Villa Serpentara in Italien entsandt worden. „Agora Artes. Wechselspiel aller Künste“ ist die Schau überschrieben: Der Austausch zwischen den Disziplinen, die Verwebungen auf menschlicher und künstlerischer Ebene stehen im Mittelpunkt. Die Akademie als Agora, als Festplatz der Künste. Und der Widersprüche.

Die palästinensische Filmemacherin Pary El-Qalqili will sich spontan in die Buch-Installation des israelischen Künstlers Ron Segal einschreiben. Segal hat israelische Bücher, die ins Deutsche übersetzt wurden, gesammelt und in eine filigrane, fast durchsichtig scheinende Regalkonstruktion platziert, die der japanische Architekt Tatsuya Kawahara entwickelt hat, ebenfalls Stipendiat. Auch hat Segal eine der zerkratzten Glasplatten beschafft, die auf dem Bebelplatz das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung abdecken und ständig erneuert werden müssen. Seine Arbeit ist ein Kommentar zu Micha Ullmans leeren Buchregalen. Segal, als Kind der Nach-Holocaust-Generation, macht klar, dass sich das Rad der Geschichte weiterdreht.

Irgendwo zwischen Gesang und Geschrei

Pary El-Qalqili, die in der Ausstellung unter anderem Videoarbeiten zeigt, in denen sich palästinensische Jugendliche selbst spielen, fordert Sichtbarkeit für Palästina – und reichert Segals Installation spontan mit palästinensischer Literatur an. An diesem Abend geht es um Politik, um Verletzungen, aber auch um die Autonomie von Kunstwerken. Wechselspiele – auch so können sie aussehen.

Manche bleiben rein formal, wie bei den Bildhauern Klaus Kleine aus Köln und Dominik Lang aus Prag. Der eine hat eine neunteilige, ornamentale Stahlskulptur gebaut, die mit ihrer Leichtigkeit schon in sich einen Widerspruch birgt. Der andere zeigt im Garten des Akademiegebäudes die Skulptur eines Mädchens und im Ausstellungsraum einen leeren Stuhl, verbindet so Choreografie und Bildhauerei. Nun sind die Werke der beiden Künstler direkt nebeneinander gesetzt und ringen um Selbstbehauptung und Dialog.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich auch zwischen der Choreografin Özlem Alkis und dem Musiker Rafael Nassif. In Alkis’ Performance „Dust Devil“ blasen die Tänzerinnen Mehlwolken in die Luft und bringen Töne hervor, tief aus der Kehle, irgendwo zwischen Gesang, Geräusch und Geschrei. Im Foyer des Akademiegebäudes hat Neele Hülcker einen „ASMR“-Stand eingerichtet, eine Art Service-Station, die zur Entspannung im Kunstraum anleitet. Die Abkürzung steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“ und stammt aus der Netzkultur. Sie bezeichnet ein angenehmes Gefühl, einen wohligen Schauer, der die Nackenhärchen kitzelt. Das Mit- und Gegeneinander der Künste ist anregend und produktiv, so viel zeigt die Ausstellung. Die alte Idee der Akademie, sie scheint hier bei den Jungen noch zu funktionieren.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 7. 6.; Di – So 11 – 19 Uhr.

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