Kultur : Projekt 21

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Von Jörg Königsdorf

Es herrscht sozusagen Kaiserwetter: Zum Beginn der Ära Rattle bei den Berliner Philharmonikern strahlt der Himmel über der Welthauptstadt der Klassik so ungetrübt wie seit Jahren nicht mehr. Als hätte es all die Etatkonkurrenzen, Tarifauseinandersetzungen und Chef-Rivalitäten nie gegeben. Als hätte nicht vor Jahresfrist noch so gut wie alles in Frage gestanden: Die Verträge von Simon Rattle und Daniel Barenboim, die Zukunft des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) und des Rundfunk-Sinfonieorchesters (RSB) in der gemeinsamen ROC-GmbH, der Verbleib Kent Naganos beim DSO, die friedliche Koexistenz zwischen der Staatskapelle und dem Orchester der Deutschen Oper. Alle diese Streitpunkte in so kurzer Zeit geklärt?

Eitel Wonne herrscht offenbar von den Größten bis zu den Kleinsten: Alle Orchester haben die Chefdirigenten bekommen, die sie haben wollten und behalten ihre zäh verteidigten Mannschaftsstärken. Die Staatskapelle erhält ihre mit der legendären 3,5-Millionen-Mark-Spende des Bundeskanzlers verbundene Gehaltsaufstockung (zumindest solange Barenboim an ihrer Spitze steht). Und auch das Orchester der Deutschen Oper, das noch unlängst den Rücktritt des Intendanten Udo Zimmermann forderte, konzentriert sich mittlerweile darauf, seine Qualitäten musikalisch unter Beweis zu stellen. Selbst die Berliner Symphoniker, die aufgrund ihrer Rechtskonstruktion, einem von befristet gewährten Zuschüssen abhängigen Trägerverein, in jeder neuen Kultur-Sparrunde wieder als höchst gefährdet einzustufen wären, können sich in Sicherheit wiegen.

Ungeachtet der Tatsache, dass der „schwarze Peter“ des Sparopfers in diesem Jahr im Wochentempo von einer Institution zur nächsten wanderte (und schließlich bei der „Zeitgenössischen Oper“ hängen blieb), stand Berlins kleinstes Orchester zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Und das, obwohl der Zuwendungsvertrag für die Symphoniker über circa drei Millionen Euro pro Jahr im nächsten Jahr erneuert werden müsste und sich inzwischen fast alle „Großen“ um die traditionelle Symphoniker-Domäne der Jugendarbeit kümmern. Die Philharmoniker haben beispielsweise mit Unterstützung der Deutschen Bank ein Jugendprogramm aufgelegt, das den gesamten Symphoniker-Jahresetat übertrifft.

Lässt sich die neue Milde gegenüber den Orchestern im Einzelfall der Berliner Symphoniker vielleicht durch eine besondere Verpflichtung des Regierenden Bürgermeisters erklären, liegen die Gründe für den Klimawechsel insgesamt tiefer.

Niemand scheint es derzeit auf Bundes- wie auf Landesebene zu wagen, die Orchesterszene in Frage zu stellen - nachdem über Jahre immer wieder neue Fusionsmodelle den betroffenen Orchestern wie dem Renommee der Musikstadt Berlin kontinuierlich Schaden zugefügt hatten. Was auf den ersten Blick wie eine reiflich überlegte kulturpolitische Strategie aussieht, erklärt sich zum wesentlichen Teil gerade durch die Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre. Denn die brachten vor allem zwei Dinge zu Tage: Erstens, dass es sich überall leichter sparen lässt als bei den gewerkschaftlich bestens organisierten und verbissen um jeden Heller kämpfenden Sinfonieorchestern. Und zweitens, dass der Bekanntheitsgrad solcher Persönlichkeiten wie Rattle, Nagano, Thielemann und Barenboim jeden Sparversuch zum weltweit wahrgenommenen kulturfeindlichen Akt mit katastrophalen Folgen für das Hauptstadt-Image werden lässt. Eine Tatsache, die den Chefdirigenten im Übrigen durchaus bewusst zu sein scheint und die immer wieder einmal durch spektakuläre Rücktrittsdrohungen unter Beweis gestellt wird.

Die Kulturpolitik jedenfalls hat diese Lektion gelernt. Dass Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin die Schlichtung des Streits in der ROC durch eine Aufstockung des Etats aus Bundesmitteln herbeiführte und sich bei der anschließenden Unterschriften-Zeremonie mit DSO-Chef Nagano als Retter feiern lassen konnte, ist ein Indiz für diese sprunghaft gewachsene Aufmerksamkeit. Ebenso wie die reibungslosen Vertragsabschlüsse mit Rattle und Barenboim, mit denen Interims-Kultursenatorin Adrienne Goehler punkten konnte.

Der neue Respekt der Politik vor den Klassik-Stars ist jedoch hoffentlich auch ein Anzeichen dafür, dass die Bedeutung der Musikkultur für Berlin (und Deutschland) endlich ins Bewusstsein der Regierenden gedrungen ist. Im Gegensatz zum (zwangsläufig begrenzten) Sprechtheater, zur Tanz- und Opernszene ebenso wie zu den Bildenden Künsten ist der Rang Berlins als Welthauptstadt der Orchesterkultur so unangefochten wie nie.

Die wichtigsten Dirigenten der „jungen“ Generation zwischen 40 und 50 arbeiten in Berlin und definieren hier den Platz der Institution Sinfonieorchester im 21. Jahrhundert. Nichts anderes steckt dahinter, wenn Simon Rattle bereits jetzt von einem „Scheitern“ spricht, sollte er nach zehn Jahren seine Philharmoniker-Amtszeit nicht verlängern. Und nichts anderes als dieses „Projekt 21“ steckt hinter den innovativen Programmen Kent Naganos und implizit auch in den „konservativen“ Gegenpositionen eines Christian Thielemann oder eines Daniel Barenboim. Die Polarisierung durch die charismatischen Dirigenten sorgt dabei für frischen Wind: damit der Himmel über Berlin auch in Zukunft voller Geigen hängt.

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