Kultur : Projektor mit Klimaanlage

In der Hitze von Ouagadougou, Burkina Faso, ging das größte afrikanische Filmfestival zu Ende

Carsten Beyer

Im Zentrum von Ouagadougou, am „Place des Cinéastes“, steht das Denkmal der Filmemacher, ein gelb-grünes Monstrum aus aufeinander gestapelten stilisierten Filmrollen. Damit dürfte die Hauptstadt Burkina Fasos die einzige Stadt der Welt sein, in der diese Berufsgruppe mit einem Denkmal geehrt wird. Seit 1969 findet in Ougadougou alle zwei Jahre das „Festival Panafricain du Cinéma“ statt; kurz: Fespaco. Mit fast 200 Filmen ist es das größte Cineastentreffen des Kontinents.

In diesem Jahr wurde auf dem Fespaco der 50. Geburtstag des panafrikanischen Kinos gefeiert – mit einer großen Retrospektive, die ihren Ausgang nimmt bei Filmen wie „Afrique sur Seine“ (1955) oder „Borrom Sarret“. Halb dokumentarische Kurzfilme, gedreht von exilierten Kunststudenten in Paris, Filme in denen der Einfluss der französischen Nouvelle Vague kaum zu übersehen ist. Bis der afrikanische Kontinent tatsächlich seine eigene Filmindustrie und Filmsprache entwickeln konnte, sollte es eine Weile dauern. „Im Grunde beginnt die Geschichte des afrikanischen Films erst jetzt, mit den digitalen Produktionsmitteln“, sagt Idrissa Ouédraogo, einer der bekanntesten Filmemacher Burkina Fasos und Programm-Chef der Kinos des Landes.

Während in den klimatisierten Sälen Filmschaffende und Festivaltouristen aus aller Welt die wichtigsten afrikanischen Filme der vergangenen zwei Jahre begutachten, tobt auf den Straßen das Leben der Millionenmetropole. Straßenhändler, Bettler und Passanten schieben sich Seite an Seite mit Fahrrädern, Mofas und alten Taxis durch die Straßen. Den Besuch im Kino können sich die wenigsten leisten, entspricht der Eintrittspreis umgerechnet etwa 1,50 Euro und somit dem Tagesverdienst eines Arbeiters.

Afrikanisches Kino dem einheimischen Publikum zugänglich zu machen, war eines der Hauptanliegen des diesjährigen Fespaco. Noch immer kommt ein Großteil der Produktionsgelder für afrikanische Filme aus dem Ausland, von der europäischen Union, vom französischen Kooperationsministerium oder von Fernsehanstalten wie Arte, der französischen RFI oder dem ZDF. „Wenn man europäisches Geld haben will, muss man einen richtig afrikanischen Film machen“, kritisiert der kongolesische Regisseur Nweze Ngangura. „Oder vielmehr das, was sich die Europäer darunter vorstellen.“

Doch die insgesamt 20 Langfilme aus zehn Ländern, die sich in diesem Jahr um den „Etalon d’Or“, dem wichtigsten afrikanischen Filmpreis bewarben, zeigen ein anderes Bild. Die Zeiten epischer Landschaftsfotografie und der wehmütigen Reminiszenz an die Zeit, bevor die Weißen kamen, sind vorbei. Stattdessen dominierten in diesem Jahr Themen wie post-koloniale Vergangenheitsbewältigung, der Kampf gegen die Verfolgung Andersdenkender und das Leben in den großen Städten des Kontinents.

Im Film „La Chambre Noire“ etwa, Gewinner des silbernen Etalon in diesem Jahr, zeigt der marokkanische Regisseur Hassan Benjelloun die Verfolgung linker politischer Gruppen in seiner Heimat in den Achtzigerjahren. Hervorragende Schauspieler, ein kluges Drehbuch und die Offenheit der gezeigten Regimekritik machen den Film zu einem kleinen Meisterwerk. Noch vor wenigen Jahren hätte ein solcher Film im marokkanischen Königreich kaum gedreht werden können.

Auch der in diesem Jahr mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Film „Drum“ des südafrikanischen Regisseurs Zola Maseko erzählt von Verfolgung und Unterdrückung durch ein autoritäres Regime. Doch die Geschichte der kleinen liberalen Wochenzeitung in Johannesburg, deren bester Reporter von einem Killer des Apartheid-Regimes getötet wird, strotzt vor Pathos und Effekthascherei. Da hätte man sich eher einen Sieger aus einem der kleinen Filmnationen Westafrikas gewünscht. Etwa die Komödie „Ouga Saga“ von Dani Kouyaté aus Burkina Faso, die das Leben auf den Straßen der Hauptstadt so zeigt, wie es auch die Fespaco-Besucher erleben konnten: chaotisch, anarchisch, aber voller Lebensmut.

Ein anderer Film, ja, ein Höhepunkt des Fespaco, lief lediglich außer Konkurrenz: „U-Carmen ekhayelitsa“, vor wenigen Wochen Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale, wurde dennoch gefeiert. Regisseur Mark Dornford-May ließ sich in Ougadougou von seinem Produzenten vertreten, denn er selbst dreht derzeit einen Film in Khaeylitsa, jenem Township am Rande von Kapstadt, in dem auch die „Carmen“ entstand. Diesmal hat er sich das Neue Testament vorgenommen.

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