Projekträume : Heiter scheitern

Schaufenster, Läden, Hinterhöfe: Wie sich Künstler zu Krisenzeiten in Projekträumen organisieren

Claudia Wahjudi
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Verpackungskünstler. Maria Luisa Stock und Roos Versteeg verwandeln den Weddinger Raum von »oqbo« in ein »Büro für...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Jahr schon halten die Künstler von „oqbo“ die Stellung in einer der ungemütlicheren Gegenden von Wedding. In der oberen Brunnenstraße, dort, wo die Hochhäuser lange Schatten werfen. Und es geht ihnen gut hier. So gut, dass sie das einjährige Bestehen ihres Ausstellungsraums für Bild-, Wort- und Tonkunst nun gleich drei Tage lang feiern wollen. Mit einem Menü von Fredie Beckmans, dem „ehemaligen Hofmaler der holländischen Königin und amtierenden Weltmeister der Kochperformance“. Und mit einer großen Ausstellung, an der auch Prominenz wie Ruprecht Dreher und Arnold Dreyblatt teilnimmt. „Hai-Schai-Mai“ heißt das Fest, kurz für „heiter scheitern im Mai“.

Doch scheitern tun hier andere. Die Ausstellung findet neben dem Lädchen von „oqbo“ statt, in einem Supermarkt, der schon seit über einem Jahr leer steht. Eine schwierige Gegend? Wie man es nimmt. Die Künstler mögen ihre Nachbarn. Im April haben Maria Luisa Stock und Roos Versteeg den Projektraum in ein Büro für „Schachteldenken“ verwandelt, in dem auch das Laufpublikum mitgebrachte Gegenstände in Kartons verpacken lassen konnten.

Zuvor projizierte Mitbegründerin Seraphina Lenz eine Arbeit direkt aufs Schaufenster: einen Film, in dem Kinder aus einer ärmlichen Neuköllner Siedlung als starke kleine Persönlichkeiten auftreten und gewitzt ihr Viertel kommentieren. Da blieben die Passanten draußen stehen, und eine Kellnerin aus dem kroatischen Restaurant nebenan trug ihnen lachend Stühle herbei.

Gesellig, niedrigschwellig, ergebnisoffen: „oqbo“ ist ein geradezu idealtypischer Projektraum. Geschätzte 40 solcher Orte gibt es in der Stadt. Sie gelten als der Humus zeitgenössischer Kunst aus Berlin. Projekträume, das sind Läden und Hinterhofhallen, in denen Künstler ihre Ausstellungen allein organisieren, ohne Direktoren und Galeristen, unabhängig vom Wohlwollen der Sammler, Sponsoren und Kulturpolitiker. Es sind, so sollte man meinen, ideale Plätze für Kunst in der Rezession.

So weit die Theorie. In der Praxis gibt es Projekträume, die haben sehr wohl einen Leiter, erhalten ein wenig Projektförderung oder wissen wie der Schauraum des Deutschen Künstlerbunds in der Rosenthaler Straße einen Verband oder eine Stiftung hinter sich. Andere sind beinahe eine Galerie, wie „oqbo“, wo die Künstler ihre Arbeiten auch verkaufen. Wieder andere konzentrieren sich auf ein Genre oder auf Künstler aus den Heimatländern ihrer Gründer, etwa aus Frankreich bei „visite ma tente“, aus Spanien und Portugal bei „Invaliden1“ und „rosalux“. Bei Letzterem zeigt allerdings gerade Jang Young Videos, ein Koreaner aus Stuttgart. Und für Juni haben Jaeckie Lindenau und Tiny Domingos, die Betreiber, einen Künstler aus Tasmanien eingeladen, ein Tipp einer portugiesischen Kuratorin in Australien. Kontakt zu Domingos Landsleuten von „Invaliden1“ nur zwei Straßen weiter haben sie dagegen kaum. „Jeder köchelt in Berlin so sein Süppchen“, sagt Tiny Domingos.

Das mussten schon die Kuratoren der „Berlin Biennale“ 2006 feststellen. Das Team wollte die diplomatischen Beziehungen zwischen den Projekträumen via Internet verbessern. Vergeblich. Die Kontakte sind persönlicher Art, ein Schneeballsystem von Empfehlungen. Wie bei „Kwadrat“ von Martin Kwade. Über seine Schwester, die im vergangenen Jahr mit dem Piepenbrock-Förderpreis ausgezeichnete Bildhauerin Alicia Kwade, lernte der ehemalige Jurist Künstler kennen und zeigte ihre Arbeiten zunächst in seiner Wohnung. Jetzt macht er in einem Kreuzberger Hinterhof weiter, bis er eines Tages vielleicht eine Galerie eröffnet. Derzeit stellt er winzige, märchenhafte Gemälde von Wolfgang Lugmair vor. Nichts, was anderswo unmöglich wäre: Manche Projekträume zeigen schlicht Arbeiten von Künstlern, die Galeristen noch nicht recht entdeckt haben.

Ganz anders in dem Lichtenberger Raum „after the butcher“ des Künstlers Thomas Kilpper. Bevor Laure Prouvost und Ulla Rossek ihre Fotostorys zeigen, hat hier der renommierte Pop-Art-Künstler Thomas Bayrle ausgestellt, gemeinsam mit Martin Feldbauer, Daniel Kohl und Harald Pridgar. In den Grafiken und Animationen ohne Signatur ging es um so heikle Themen wie Urheberschaft und Erfolg. Am letzten Abend der Ausstellung machen Kilpper und Kohl Fotos von den Arbeiten. Es ist nach neun, die zwei haben Hunger, aber Kilpper diskutiert mit Kohl, als sehe er die Arbeiten zum ersten Mal. Einig sind sie sich über eins: Projekträume fördern Debatten. Nirgendwo sei das Publikum so kritisch wie hier. „Die Künstler“, sagt Kilpper, „legen sich ins Zeug, denn es kommen Kollegen und Freunde.“ „Bei der Eröffnung haben sie mir vorgeworfen, ich sei unpolitisch“, sagt Kohl. „Das war hart, aber ich finde Kritik toll.“ Und was hat Kilpper davon, der „after the butcher“ ehrenamtlich betreut? „Es ist befruchtend“, sagt er. Und Kohl ergänzt: „Das verschafft Respekt.“

Eine Hochphase hatten Projekträume zuletzt in den 90er Jahren, als der Kunstmarkt unter der damaligen Rezession ächzte. Auch das lässt vermuten, jetzt komme erneut ihre Zeit. Bei „arttransponder e. V.“ in der Brunnenstraße fürchten sie jedoch das Gegenteil, bangen um rares Sachsponsoring und Projektgeld. Soeben hat der Verein Arbeiten aus Workshops von Berliner und Kiewer Künstlern gezeigt, die auch schon die Immobilienbaisse in der Ukraine thematisierten. So schnell könnten Kunsthallen und Museen gar nicht reagieren. Auf Wendigkeit allein aber will sich der Verein nicht verlassen. Gerade hat er einen Blog für Kunstinitiativen freigeschaltet. „Chances of Crisi$“ heißt der, „Bewegungen aus einem instabilen Feld“. Außerdem plant er für Juni ein Unterstützertreffen, einen Runden Tisch für Projekträume in der Rezession. Real statt digital: Vielleicht klappt es mit der Vernetzung ja dieses Mal.

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