Kultur : "Prometeo": Utopie statt Gewissheit

Volker Straebel

Anders als die meisten Komponisten schuf Luigi Nono nicht nur ein Alterswerk, sondern ein Spätwerk im emphatischen Sinne, einen Werkkomplex, der sich gleichermaßen als Summe bisherigen Schaffens erweist und als über den zeitgenössischen Stand des Komponierens hinausreichende Utopie. Mit seinem Streichquartett "Fragmente - Stille, An Diotima" hatte der 56-Jährige 1980 die Wende eingeleitet zu einer leisen, sich in knappen, kristall-klaren Gesten ergehenden Musik, die beides ist, Ton- und Klangkunst, die Motiv- und Frequenzverhältnisse etabliert, aber gleichzeitig nur da zu sein scheint, um den akustischen Raum des Konzertsaales zu artikulieren. Tastend erscheinen die Klänge in der Zeit, weniger suchend als findend: "wandern / es gibt keinen Weg / man muss gehen" - die Inschrift auf einer Klostermauer in Toledo wurde bestimmend für die Ästhetik des späten Nono.

Gipfelpunkt dieses Komponierens an der Grenze wurde der "Prometeo" (1981-85), ein als "Tragödie des Hörens" unterschriebenes Opus Magnum für Sprecher, Sänger, Orchestergruppen und Live-Elektronik. Zum Abschluss der diesjährigen "Inventionen" stemmten das Ensemble Modern Orchestra, der Solistenchor Freiburg und das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung das gewaltige Raum-Klang-Stück in der Philharmonie. Das Künstlerprogramm des DAAD ermöglichte die aufwendige Aufführung, und das zahlreich erschienene Publikum dankte es ihm: Es bewies, dass zeitgenössische Musik weniger eine Sache der Experten als der Liebhaber ist, und folgte zweieinhalb Stunden lang hoch konzentriert dem komplexen Klanggewebe. Das Libretto, das Massimo Cacciari aus Fragmenten antiker Literatur sowie Texten von Hölderlin und Walter Benjamin kunstvoll und assoziationsreich collagierte, redet vom Aufstand des begrenzten Individuums gegen die Gesetze des Seins. Dabei schweigen die Worte mehr, als dass sie sprechen, wie auch ganze Textpassagen als Subtext in der Partitur erscheinen, ohne gesungen zu werden.

Nono verließ nach zwei Opern bewusst die ausgetretenen Pfade des Musiktheaters und schuf ein Theater der Musik, ein Ideentheater ohne Handlung und Szene, die in obsolet gewordener Verdoppelung die Klänge bebildert. In der für den "Prometeo" sicher nicht idealen Philharmonie war die von André Richard sensibel gesteuerte Live-Elektronik nicht Selbstzweck, sondern unterstützte nur den Eindruck absichtsvoller Projektion und "Ausstellung" fragmenthafter, scharf dissonanter musikalischer Einheiten im Raum. Die geräuschhaft angeblasenen, intern strukturierten Liegetöne der Bassflöte (Dietmar Wiesner) und weite Glissandi der Bassklarinette (Wolfgang Stryi) verbanden sich in elektronischer Dehnung und Raumverteilung mit den Klängen real im Saal verstreuter Orchestergruppen. Ebenso interagierten die vorzüglich disponierten Sänger mit einem leise irrlichternden elektronischen Echo-Chor. Nur im siebenten Satz geriet die technisch erzeugte Klangbewegung weniger eruptiv als vielmehr grob, um im instrumentalen zweiten Zwischenspiel wieder zum feinen Pendeln zwischen Kunst- und Realraum zurückzufinden.

Dies ist überhaupt das Besondere dieser Raumklangmusik: Die Eigenschaften des Nachhalls erscheinen in Nonos Spätwerk nicht als Qualität eines simulierten Raumes, sondern als Parameter der einzelnen Klänge. Anders sind die häufigen und abrupten Brüche der künstlichen Akustik nicht zu erklären. So wie wechselnde Instrumente den gleichen Ton immer wieder anders erscheinen lassen, instrumentiert Nono seine atmenden Klänge räumlich neu und entwickelt eine differenzierte Polyphonie der architektonischen Orte und akustischen Räume. In der Philharmonie ließen sich die leichten Koordinationsprobleme, wie sie beim video-gestützten Dirigat von Emilio Pomárico und Yoichi Sugiyama wohl unvermeidlich waren, besser verschmerzen als manch unsaubere Intonation der Blechbläser in zugegeben unbequemer Lage. Nonos Tasten an Grenzen schließt spieltechnische Herausforderungen mit ein - ein Teil der Spannung seiner späten Werke ergibt sich aus diesem Moment. Die Sprödigkeit findet jedoch in der Regel zurück zur utopischen Harmonie, und so schließt auch der "Prometeo" im versöhnlichen Unisono. Anders als für Foucault, bei dem "der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand", ist er bei Nono noch "in der Wüste unbesiegbar". Hoffnung des sozialistischen Utopisten - als Gewissheit getarnt.

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