Kultur : Propaganda ohne Erfolg

Oberst Tjulpanovs Geheimbericht nach Moskau: Die Ostdeutschen wollen die Sowjetisierung nicht.

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Vor 18 Jahren erregte ein Buch Aufsehen, das bereits im Titel seine brisante These kundtat: „Stalins ungeliebtes Kind. Warum Stalin die DDR nicht wollte.“ Darin legt der Historiker Wilfrid Loth dar, dass die Etablierung eines nach sowjetischem Muster geformten ostdeutschen Teilstaats auf Walter Ulbricht und sein engstes Umfeld zurückgeht – und auf Oberst Sergej Tjulpanov, den Leiter der für die in der SBZ zugelassenen Parteien zuständigen Informationsverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD).

Die alte Diskussion lebte wieder auf, ob Stalin womöglich ein vereintes Deutschland der Teilung und der Gründung der DDR vorgezogen hätte, wäre der Westen auf die Forderung nach deutscher Neutralität eingegangen. Letztlich verlief die Debatte ergebnislos, fehlte doch ein entscheidendes Dokument: der Geheimbericht Tjulpanovs an die sowjetische Führung von Ende 1948, der, so der Titel, „Drei Jahre Arbeitserfahrung der Informationsverwaltung der SMAD“ bilanziert. Der im Staatsarchiv der Russischen Föderation bewahrte, 273 Seiten lange Bericht wurde jetzt von dem Osteuropa-Historiker Gerhard Wettig in der Übersetzung von Wladislaw Hedeler erstmals in deutscher Sprache ediert.

Eine Sensation? Das eher nicht. Denn der Bericht des Oberst, der wegen seiner Vertrautheit mit der „Gruppe Ulbricht“ berufen worden war, bestätigt, dass Stalin die DDR mitnichten als Kuckucksei ins Nest gelegt bekam, sondern auf die Sowjetisierung ganz Deutschlands setzte. Allerdings relativiert der „anscheinend in großer Eile, jedenfalls mit wenig Sorgfalt zusammengestellte“ (Wettig) Bericht die Rolle Tjulpanovs. Der Oberst mit dem markanten Kahlkopf stand unter erheblichem Druck, gerade weil die angestrebte Sowjetisierung nicht im gewünschten Tempo vorankam.

Tjulpanovs Handlungsspielraum ergab sich einzig aus dem Zögern der Führung, eine eigenständige Linie verfolgte er nie. Er gab Ratschläge, das ja. So geht der 1946 recht überstürzt vollzogene Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED auf sein Anraten zurück, weil er erkannte, dass die SPD bei den anstehenden Wahlen in der SBZ bei Weitem das eigene Ziehkind KPD überflügeln würde.

Tjulpanov wurde in der DDR stets als der großmütige Förderer deutscher Kultur gezeichnet; dem hatte Tjulpanov, der 1949 aus der aktiven Politik abberufen und an die Leningrader Militärakademie versetzt wurde, mit seinen 1986 in Ost- Berlin veröffentlichten „Erinnerungen. Deutschland nach dem Kriege (1945– 1949)“ Nahrung gegeben. Darin berichtet ein umfängliches Kapitel unter dem Titel „Die SMAD und die demokratische Erneuerung der Kultur“ davon, wie seine Verwaltung daran ging, „die antisowjetischen und antikommunistischen Stimmungen und Vorurteile zu überwinden“, als „eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine demokratische Entwicklung“. Mit anderen Worten: Tjulpanov hat aus der Indoktrination nie einen Hehl gemacht. Im Gegenteil, er verweist in seinem Dossier von 1948 darauf, die „Grundzüge unserer Propaganda“ seien in den drei Berichtsjahren „unverändert“ geblieben: Dazu zählen „die Propagierung der Deutschland-Politik der UdSSR“ ebenso wie die „Propagierung gesellschaftlich-politischer Ordnung der UdSSR und der Vorzüge des sowjetischen sozialistischen Wirtschaftssystems“, ferner „Kritik an der bürgerlichen Demokratie und Kampf gegen die bürgerliche Ideologie“.

Doch diese Propaganda erreichte die Ostdeutschen nicht. Aus Moskauer Sicht konnte das nur auf Versagen der als „Propagandaabteilung“ gegründeten und erst 1947 in die unverfänglicher „Informationsverwaltung“ umbenannte Dienststelle zurückzuführen sein. Tjulpanov machte zur Rechtfertigung die Gegenpropaganda insbesondere der „rechten Sozialdemokraten mit K. Schumacher an der Spitze“ verantwortlich.

Tjulpanovs Geheimbericht ist das Gegenteil einer Erfolgsbilanz. Er ist das Eingeständnis des Scheiterns, ja mehr noch der Unmöglichkeit, der Sowjetisierungspolitik Zustimmung und Legitimation zu verschaffen. Und das sogar auf dem „weichen“ Feld der Kulturpolitik. Die Aufzählung beispielsweise von Veranstaltungen, von Ergebenheitsadressen, vom Wachstum der Mitgliederzahl des „Kulturbundes“ bemänteln nur die Erfolglosigkeit. Geradezu entschuldigend heißt es an einer Stelle, „Unter den Bedingungen Berlins“ – gemeint ist der Viermächtestatus – „stieß die Tätigkeit der SMAD auf dem Gebiet der Kultur und die der SED und der Gewerkschaften auf diesem Gebiet ständig auf den Widerstand der anglo- amerikanischen imperialistischen Reaktion und ihrer deutschen Agentur“. Und das, obwohl doch die SED „Kader für die Leitungstätigkeit auf dem Gebiet der Kultur bereitstellt“!

In solchen unscheinbaren Sätzen steckt die ganze Politik der SMAD und der Moskauer Führung, für die Tjulpanov freilich nur ausführendes Organ war. Allein die beständigen Umorganisationen seiner Verwaltung und die Rapporte, zu denen er angehalten war, belegen, dass die Entscheidungen in Moskau fielen, freilich in Reaktion auf das rapide Auseinanderdriften der beiden deutschen Teilgebiete – und auf Stalins Fehleinschätzung der Bereitschaft der USA, in Deutschland und Europa zu bleiben.

Doch diese Bereitschaft war nicht der Auslöser der Politik der SMAD: „Der Sowjetisierungskurs in Deutschland“, bilanziert Wettig seine Einleitung, „war kein Ergebnis der Konfrontation mit den Westmächten, sondern diese ging umgekehrt auf die Politik der Systemtransformation in der SBZ zurück, die sofort bei Kriegsende – und nicht erst nach dem Ende der Besatzungskooperation – eingeleitet worden war.“ Nicht Ulbricht und Tjulpanov hatten die DDR ausgeheckt, sondern dieser Separatstaat war alles, was Stalin vom erstrebten Ziel eines vereinten Sowjetdeutschland verblieb. Bernhard Schulz

Gerhard Wettig (Hrg.): Der Tjulpanov- Bericht. Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. V&R unipress, Göttingen 2012. 424 Seiten, 39,80 Euro.

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