Kultur : Prost, Gemeinde

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Frederik Hanssen glaubt an die Zukunft des TheaterAbos

Im Theater erscheint die Schwelle immer ein bisschen höher als etwa im Kino. Das liegt an den relativ teuren Tickets, an der Frage der Abendgarderobe oder einfach an der Gewohnheit. Deshalb wurde einmal das Abonnement erfunden – um jene Schwelle zu senken. In West-Berlin gab es noch dazu die ausgeprägte Kultur der Besucherorganisationen.

Doch die Abo-Idee ist out. 16000 Menschen gehören der Berliner Theatergemeinde an, die heute im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ihr 40-jähriges Bestehen feiert, insgesamt haben die Berliner Besucherorganisationen (neben der Theatergemeinde der Theaterclub und die Freie Volksbühne) jedoch dramatisch viele Kunden verloren. Sich auf eine bestimmte Zahl von Theaterbesuchen pro Jahr festzulegen, erscheint vielen heute genauso spießig wie bis vor kurzem der Besuch einer Tanzschule.

Inzwischen aber florieren die Etablissements, in denen Erwachsene Tango, Rumba, Jive und Foxtrott lernen können. Und auch das Theaterabo könnte bald eine Renaissance erleben. Es wächst eine Generation heran, die keinen blassen Schimmer mehr vom traditionellen bildungsbürgerlichen Kanon hat. Und wenn diese Generation sich etabliert hat, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Menschen dann wieder rauswollen, nicht nur in die Kneipe oder ins Kino, sondern Live-Kultur erleben. In Berlin werden sie vom Angebot erschlagen. Wenn ihnen weder die Stücktitel etwas sagen noch die Namen der Regisseure oder Dirigenten, wenn das Gefühl der Hilflosigkeit aufsteigt, schlägt die Stunde der Besucherorganisationen. Diese müssen allerdings ihr muffiges Sechzigerjahre-Image überwinden und sich als moderne Dienstleister präsentieren.

Den Kulturneulingen wird es nicht in erster Linie darauf ankommen, ein paar Euro pro Karte zu sparen (was bislang der Hauptgrund für die Mitgliedschaft in einem Besucherring ist). Ihnen geht es um Orientierung, um kurze, klare Informationen. Denn auch das Theaterangebot selbst hat die Schwelle wieder höher gehoben: Es ist unübersichtlich im Künstlerischen, man weiß nicht, was einen erwartet. Ein Klassiker-Kanon etwa existiert nicht mehr. Die neuen Theaterformen spiegeln – faszinierend und erschreckend – die Irren und Wirren der Globalisierung.

Und: Je mehr die technologische Entwicklung die Menschen zum Alleinsein zwingt, desto stärker wird das Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen. Man muss sich nur die überfüllten Fußgängerzonen an verkaufsoffenen Sonntagen oder das Demonstrations-Revival der Anti-Bush-Bewegung anschauen. Den Leuten klar zu machen, dass sie im Theater finden, was sie suchen, und ihnen die Angst vor dem unbekannten Terrain zu nehmen – darin liegt die ganze Kunst.

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