Kultur : "Prostor - architektura, interier, design": Babylonische Bauherrenschaft

Ulf Meyer

Dass ausgerechnet das versponnene "Dancing House" von Frank O. Gehry am Ufer der Moldau der bekannteste Prager Neubau ist, führt in die Irre. Gerade Gehrys Außenseiterrolle erklärt den Erfolg dieses ungewöhnlichen Doppelturms. Denn die meisten tschechischen Architekten sind alles andere als exaltiert. Eine Ausstellung im Tschechischen Zentrum Berlin wagt ein erstes Resümee der Arbeit der tschechischen Architekten seit 1989. "Es ist zu spät, um über die neuen Möglichkeiten noch kritiklos begeistert zu sein, aber auch zu früh, um sich schon der bleibenden Werte sicher sein zu können" - so lautet das Motto der Schau, die in Zusammenarbeit mit der Prager Gesellschaft "Prostor - architektura, interier, design" organisiert wurde. Fünfzig Gebäude werden anhand von Farbfotografien, Zeichnungen, Modellen und Texten dokumentiert.

Tschechien hat im Vergleich mit anderen mittel- und osteuropäischen Ländern eine reiche Architekturtradition. Liebe zum Detail, Sicherheit im Umgang mit Material und Mut zur Farbe zeichnen die besten unter ihnen aus. Im Gegensatz zu den benachbarten postkommunistischen Ländern können die Tschechen auf diesen Schatz bauen. Unweit von Gehrys "Tanzendem Haus" liegt das herrliche "Café Slavia", das seit seiner einfühlsamen Renovierung 1997, die ebenfalls in der Ausstellung dokumentiert wird, an die Wiener Bars von Adolf Loos durchaus heranreicht. Dort wie anderswo schöpfen die meisten tschechischen Baukünstler aus dem reichen Fundus des Jugendstils und der klassischen Moderne. Besonders deutlich wird das bei den Charakteristika der neo-modernen Brünner Schule, die ihre Wurzeln im böhmischen Funktionalismus hat, der in der Zwischenkriegszeit erblühte. Diese Prägung beeinflusst bis heute technizistische Gebäude wie den neuen Flughafen von Prag oder die neuen Messehallen in Brünn.

Die lässige Kontinuität wirkt überraschend frisch und zeitgemäß. Postmoderne Kitschausfälle gibt es zwar kaum; eine derart eigene Architektursprache wie bei den skurrilen organischen Holzbauarchitekten in Ungarn gab es in Tschechien andererseits schon deshalb nicht, weil ihre modernen Wurzeln nicht regional verankert sind. Fast die Hälfte der sehenswerten tschechischen Bauten der vergangenen zehn Jahre liegt - glaubt man der Ausstellung - in Prag, In Tschechien gibt es heute nichts, was es nicht gibt: Eine teigartige Brücke erinnert beispielsweise an Santiago Calatrava, während die GE-Capital Bank in Brno von 1995 ganz in Hightech-Ästhetik nach britischem Vorbild schwelgt. Fast scheint es, als hätte der Bauboom der neunziger Jahre eine babylonische Sprachverwirrung über die rege Szene Tschechiens gebracht. Nach der langen Isolation stehen den Architekten dort heute alle im Westen gängigen Materialien, Technologien und Verfahren zur Verfügung.

Aber nicht nur die Kontakte, die Konkurrenzsituation und die Inspirationsquellen haben sich verändert, auch der Beruf der Architekten und ihre Bauherrenschaft haben sich radikal gewandelt. Die Marktwirtschaft brachte zunächst überwiegend das städtische Bürohaus für (meist ausländische) Banken und Versicherungen als Bauaufgabe mit sich, dazu die Konversion von Militär- und Industrieflächen. Nachdem der Massenwohnungsbau als dominierende Bauaufgabe entfiel, sind monofunktionale Geschäftshäuser an ihre Stelle als Hauptbetätigungsfeld der tschechischen Architekten gerückt. Mittlerweile meldet sich auch die öffentliche Hand mit Schulen und Rathäusern als Bauherr zurück. Die tschechischen Architekten, mehrheitlich in staatlichen Projektierungsbüros groß geworden, mussten einen Weg in die neue Selbstständigkeit finden. Um Architektur als kulturelle Disziplin mussten sie kämpfen. Mit Erfolg.

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