• Protagonisten der Fluxusbewegung: Ein Zeitalter wird eingepackt - In der Galerie Rafael Vostell

Kultur : Protagonisten der Fluxusbewegung: Ein Zeitalter wird eingepackt - In der Galerie Rafael Vostell

Ronald Berg

Die sechziger Jahren sind wahrscheinlich diejenige Epoche der modernen Kunstgeschichte, die die junge Kunst von heute am stärksten beeinflußt. Ob bewußt oder unbewußt basieren die gegenwärtigen Konzepte des Crossover und der Nivellierung von high und low auf der revolutionären Strategie der Entgrenzung, wie sie in den sechziger Jahren vor allem im Fluxus propagiert und praktiziert wurden. Fluxus überstieg im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen: Es war die erste internationale und intermediale Kunstbewegung überhaupt. Nicht erst seit der Postmoderne, schon im Fluxus hieß es: anything goes. Alles war möglich, Grenzen waren nur noch dazu da, gesprengt zu werden, besonders die zwischen Kunst und Leben. Aktion und Happening wurden die bevorzugten Kunstformen. Die Galerie Rafael Vostell zeigt nun nicht nur eine komprimierte Retro einer Dekade, sondern auch was aus den Protagonisten der Sixties geworden ist: Unter den versammelten Klassikern der damaligen Szene wie Paik, Vostell oder Fernandez Arman fehlt eigentlich nur Beuys. Aber der ist ohnehin eine Klasse für sich.

Statt dessen sind Arbeiten seiner ehemaligen Fluxuskollegen zu sehen - zum Beispiel Nam June Paik. Sein "Oriental Painting" (175 000 Mark) von 1989 zeigt die übliche anthropomorphe Gestalt, diesmal aus alten Toastern und Radios zusammengesetzt, wobei Kopf und Bauch aus Fernsehmonitoren bestehen, in denen eine Videoanimation läuft, die man so oder so ähnlich auch schon einmal gesehen hat. Allerdings darf man bei Paiks Videos nicht vergessen, daß sie mit den schnellen Schnitten und bunten Farbbombardement alles das um Jahrzehnte ästhetisch vorwegnehmen, was heute MTV als hip ausstrahlt.

Wolf Vostells "TV-dé-coll-age No.1" (600 000 Mark), eine dreieinhalb Meter lange, raumhohe Leinwand und das erste Bild in der Geschichte der Kunst mit integrierten Fernsehern, merkt man den medienkritischen Impetus der Sechziger gegenüber dem Fernseher eher an als Paiks Monitormännchen: Fünf der Monitore bei Vostell zeigen nichts als weißes Rauschen, der sechste hinter einem knappen Schlitz bringt das aktuelle Fernsehprogramm. Das zufällige, "décollagierte" TV-Programm bietet allerdings auch kaum mehr als Flimmern: Vostell präsentierte Fernsehen schon 1958 als "Nullmedium" (H.M. Enzensberger). Ja, die Sechziger waren das Jahrzehnt der (gesellschafts)kritischen Kunst.

Christos noch eigenhändig produzierter Entwurf zur Reichstagsverhüllung (15 000 Mark), eine delikate Fotocollage mit eingearbeitetem Bindfäden, entpuppte sich bei seiner Realisierung zwanzig Jahre später dagegen durchaus mit der Spaß- und Eventkultur kompatibel. Und auch Joe Jones "Sound Sculpture" (25 000 Mark), ein mittels Elektromotor angeschlagenes Windspiel, wirkt heute weniger als akustische Erweiterung der Gattung Skulptur, oder als Fluxus-Musik, denn als nette - aber belanglose - Bastelei à la Tinguely. Nur bei Ed und Nancy Kienholz ist das Kritische nicht zu übersehen: Ein Kruzifix mit Schmerzensmann und einer daran befestigten King Kong-Puppe in einem Holzkasten, woran ein Hirschgeweih montiert ist, macht sich über den "Wholly Holy Terror" des Katholizismus lustig. Mit 13 000 Mark wird man Besitzer der blasphemischen Assemblage.

Glauben thematisiert auch Daniel Spoerris "La Pharmacie Bretonne" (18 000 Mark), genauer: den Glauben an die wundersame Kraft von Heilquellen. Spoerri hat das Wasser aus 117 solcher Quellen in kleine Glasfläschchen abgefüllt, beschriftet und in einer Art von hölzerner Reiseapotheke gepackt. Im zugehörigen Buch kann man nun nachlesen, welchem Leiden man mit welcher Flasche zu Leibe rücken kann. Das Buch referiert zudem anhand von Legenden und Berichten die Wirkungskraft der Wässer nach dem Motto: Bei Kopfschmerzen - Wasser aus St. Côme et St. Damien.

Wie Spoerris Apotheke von 1981, stammen die meisten Stücke der Ausstellung aus einer Zeit jenseits der Sechziger, gleichwohl konservieren alle den Geist der Epoche. Manches wirkt deshalb museal wie Jones, manches historisch wie Vostell - und manches - wie bei Paik - erscheint als Wiederkehr des Immergleichen: Nur Spoerri könnte man immer noch einen Zeitgenossen nennen, der den Vergleich mit seinen Nachfolgern von Damien Hirst bis Jonathan Meese nicht zu scheuen braucht. Die Sixties sind noch lebendig, vielleicht mehr bei den heute Zwanzigjährigen als bei den meisten Fluxus-Opas.

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