• Protest gegen das Chaos und die Anarchie: gegen alles, was schäbig und unwürdig ist in Japan

Kultur : Protest gegen das Chaos und die Anarchie: gegen alles, was schäbig und unwürdig ist in Japan

Robert Kaltenbrunner

Im Tohuwabohu von Tokio kämpfen zwölf Millionen Menschen um jeden Quadratzentimeter. Nirgends sonst ist die Wirklichkeit so weit entfernt von den Visionen ambitionierter Städtebauer wie in dieser wüsten Collage aus Hütten und Wolkenkratzern, Hochstraßen und Freileitungen, einem Durcheinander von Farben und Formen, Lichtern und Reklamen, erschüttert von Verkehrsstößen und durchpulst von pausenlosem Lärm. Trotz - oder gerade wegen - eines solchen Befundes stellt das Bauen in Nippon etwas dar, das den Besucher interessiert und provoziert, womöglich überwältigt. In der für unsere Augen amorphen und inkonsistenten "Struktur" der japanischen Metropole haben die Architekten seit Ende der 70er Jahre zunehmend erkannt, dass eine vermittelnde Beziehung zwischen Gebäude und Stadt schlichtweg nicht mehr existiert. Eine introvertierte Baukultur ist die naheliegende Konsequenz. Streitbar indes sind sie, die führenden Architekten und ihre Projekte, wie ein instruktiver Sammelband mit Interviews deutlich macht. So zeugen die meisten Entwürfe von einer merkwürdigen Umkehrung des Städtebaus: Innerhalb selbständiger Gebäude werden paradoxe Stadtmodelle geschaffen. Der eine baut "bedeutungslose Maschinen, die dann neue Bedeutung in der Architektur annehmen" (Kazuo Shinohara), den zweiten verleitet "ideologische Unsicherheit" zu einer Formensprache, die kein Zentrum anerkennt (Kisho Kurokawa), der dritte beschwört den verfänglichen Symbolismus von Fragmenten, um "wie ein Gegenschock oder Sabotageakt in der Stadt zu wirken" (Shin Takamatsu), andere schließlich bevorzugen die großartige und theatralische Geste, teils von "bühnenhafter Leichtigkeit" (Fumihiko Maki, einst Gründungsmitglied der Metabolisten), teils als "Architektur ohne Ironie", wie Arata Isozaki sagt. All das sind lediglich Facetten dessen, was zeitgenössische japanische Architekten so erschaffen. Obgleich - noch - nicht in allererster Reihe stehend, stellt Riken Yamamoto eine außergewöhnliche Erscheinung dar. Mit seinem Werk, vor allem Wohn-, Schul- und Universitätsbauten, hat er sich eine eigenständige, ja eine fast zeitlose Position erarbeitet in der Heterogenität der japanischen Architektur.

Das Bauen ist ihm künstlerisches Mittel, den gesellschaftlichen Veränderungen - wie der Auflösung der Basiseinheit Familie oder neuen Bildungsprogrammen - Rechnung zu tragen. Yamamoto glaubt, daß die Schöpfung von Architektur gleichbedeutend sei mit dem Aufstellen von Hypothesen. Zugleich mahnt er Skepsis an, "wenn eine Hypothese sich anschickt, wie das Ziel auszusehen". Was auf den ersten Blick wirkt wie unscheinbare, betongraue Architektur, die wahllos einer Gegend implaniert wird und jedem Gedanken von der konsistenten Stadt spottet, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine so unprätentiöse wie sinnfällige Intervention. Seine Hotakubo-Wohnsiedlung versteht Yamamoto als Vorschlag für eine erweiterte Form des Zusammenlebens. Hier blitzt ein kollektivistisches Ideal auf, das die traditionelle Vorstellung von der Familie als (einzigem) Kern der Gesellschaft zu überwinden sucht. Ähnliches thematisiert auch die Universität des Bezirkes Saimata mit ihrer introvertierten, hofhausartigen Patchwork-Struktur. Yamamotos Bauten sind, unterm Strich, von einer seltsamen Zwiespältigkeit geprägt: Auf der einen Seite passen sie sich der Stadt an, auf der anderen stellen sie sich ihr entgegen. So verwischen die Grenzlinien zwischen rein kreativen und kritischen Prozessen. Wollten Baumeister wie Yamamoto zuvor die Regeln des architektonischen Schachspiels neu formulieren, so versuchen sie nun, das ganze Spiel in Frage zu stellen. Sie streben zumeist nicht nach einer Kontextbestimmung. Immer aber ist, zumindest implizit, die urbane Landschaft ein Thema. Nicht in dem Sinne wie bei den Nachfolgern der auf organische Weise mit Formveränderungen arbeitenden Metabolisten, die ihre Aufgabe in der Flucht vor dem städtebaulichen Chaos suchten, sondern im Aufspüren von Zwischenräumen, sprich: Nischen. Die Wiederentdeckung und Neuinterpretation der engen Beziehungen zwischen Umwelt und Architektur ist eine dieser Lücken, durch die die Architekten den heutigen urbanen Zwängen zu entkommen trachten.

Bei aller Eigenständigkeit reiht sich Yamamoto doch ein in das, was man als gemeinsame Grundlinie der Avantgarde bezeichnen könnte: Ihre Protagonisten protestieren, mit und anhand ihrer Bauten, gegen alles, was laut und hektisch ist im neuen Japan, was zu schäbig ist, zu oberflächlich, konsumorientiert, also gemein und menschenunwürdig aus ihrer Sicht. Gegen das Chaos, die Anarchie des Bodenmarktes, das zerstörerische Durcheinander in Japans großen Städten setzen sie Zeichen der Besinnung, schaffen Räume klösterlicher Abgeschiedenheit. Gegen die Aggressionen einer rücksichtslosen Umwelt kapseln sie sich mit den Häusern von ausgeprägt selbstbezogenem Charakter ab. Dabei beherrscht kein Dogma das Werk der jungen Avantgarde, nicht der Rigorismus der internationalen Moderne, aber auch kein entleerter Traditionalismus. Vielmehr gilt ein unausgesprochener Pluralismus. Kein Stil, kein Kodex, nicht einmal ein Konsens - es sei denn derjenige, daß die Welt ziellos, die Stadt amorph und unerträglich geworden sei, worauf es qua Architektur zu reagieren gilt. Wenn ihre Forderung lautet: Man möge nicht nach ewigen Antworten, nach dem Stil suchen, sondern die von Fall zu Fall richtige Lösung für eine spezifische Aufgabe, dann kann man von der japanischen Architektur-Avantgarde nur lernen.Wilhelm Klauser: Riken Yamamoto. Birkhäuser Verlag, Basel / Berlin / Boston 1999. 128 Seiten, 78 DM. - Christopher Knabe / Jörg R. Nönnig (Hrsg.): Shaking the Foundations. Japanese Architects in Dialogue. Prestel Verlag, München 1999. 208 Seiten, 49,80 DM.

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