Proteste in Istanbul : „Die Gewalt politisiert auch Friedfertige“

Ein Interview mit Tunçay Kulaoglu, Co-Leiter des Ballhauses Naunynstraße, über Erdogan, Istanbul und Berlin.

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Die Vertreibung von Demonstranten aus dem Gezi-Park am 15. Juni
Die Vertreibung von Demonstranten aus dem Gezi-Park am 15. JuniFoto: Pixathlon

Herr Kulaoglu, nach dem Taksim-Platz wurde auch der Gezi-Park in Istanbul brutal geräumt. Eine erwartbare Eskalation?

Leider musste man jederzeit damit rechnen. Die Sicherheitskräfte sind auch in anderen Städten wie Ankara, Izmir oder Bursa ungewöhnlich gewalttätig gegen die Demonstranten vorgegangen, in sämtlichen türkischen Metropolen.

Premier Erdogan hat die Demonstranten verunglimpft und ausländische Medien beschimpft. Was ist los mit ihm?

Erdogan hat in meinen Augen jeglichen Bezug zur Realität verloren. Er genoss elf Jahre lang den Luxus, ohne nennenswerte Opposition oder Widerstand zu regieren. Auch die internationale Gemeinschaft hat nur auf die positive wirtschaftliche Entwicklung der Türkei geschaut und die antidemokratischen Tendenzen seiner Regierungspolitik übersehen. Jetzt steht Erdogan mit dem Rücken zur Wand. Bislang war er es, der über Diktatoren wie Assad herzog, nun geht er mit der gleichen Härte gegen die eigene Bevölkerung vor. Das internationale Interesse an den Protesten ist enorm. Das Bild der Türkei als islamisches Modellland, das Erdogan zu verkaufen versucht, ist jetzt auf den Kopf gestellt.

Halten Sie am Ballhaus Naunynstraße Kontakt zu Aktivisten in Istanbul?

Unsere Netzwerke sind groß. Wir bekommen von Freunden und Künstlern, die zwischen Berlin und Istanbul pendeln, Informationen aus erster Hand. Eine Vorstellung von „Saison der Krabben“ musste ausfallen, weil unsere Schauspielerin Sesede Terziyan in Istanbul in den Tränengasnebel geraten war. Am Sonntag hatten wir eine Veranstaltung, während der alle nur auf ihre Handys schauten und die Geschehnisse in der Türkei verfolgten. Seit zwei Wochen herrscht große Anspannung. Wir hatten auch einen Solidaritätsabend, unter anderem mit der Schriftstellerin Ece Temelkuran. Wir bieten das Ballhaus gerne als Plattform an.

Was hören Sie über die Lage vor Ort?

Es ist ein Ausnahmezustand, ein Kriegszustand. Auch Freunde von mir, die gar nicht unbedingt politische Aktivisten sind, werden von der Gewalt erfasst, friedliche Menschen. Die Polizei schleust Provokateure ein, aus Izmir kamen Fotos von Zivilbeamten mit Baseballschlägern in der Hand. Das politisiert momentan viele. Dass Demonstranten als Terroristen abgestempelt werden, dass Ärzte, die freiwillig helfen, verhaftet werden – da hört jedes Verständnis auf.

Tuncay Kulaoglu
Tuncay KulaogluFoto: Ballhaus Naunynstraße

Wie erleben Sie denn die Stimmung in der türkischen Community in Berlin?

Es herrscht große Sensibilität, es gibt zahlreiche Solidaritätsaktionen. Dabei engagieren sich auch viele, die keine Migrationsgeschichte haben. Es ist das erste Mal, dass die Türkei eine so breite spontane Bewegung erlebt. Dass sich dagegen die reaktionären Kräfte sammeln, kann ich mir nicht vorstellen. Anders, als Erdogan es sich wünscht, der ja stets drohte: Wenn ihr zu hundert auf die Straße geht, organisiere ich tausend.

Wie wird sich die Lage entwickeln?

Schwer einzuschätzen. Die Gewerkschaften haben zum Generalstreik aufgerufen: Wenn die Proteste weitere gesellschaftliche Bereiche erfassen, könnte der Funke auf das ganze Land überspringen.

Die Fragen stellte Patrick Wildermann.

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