Kultur : Protz, Prolet und Aschenmann

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Raimund (1790-1836), ja, sonst noch was? Theatervolk und Publikum sind gleich misstrauisch, wenn nur der fällt. Was sollte der uns wohl heute? Bruder Leichtsinn und Meister Luftikus, „sein Feenreich ist aus Zuckerguss und Terracotta“, schrieb Egon Friedell, obwohl er ihn mochte. Wenn schon Tralala und Hokuspokus aus dem 19. Jahrhundert, dann doch lieber gleich Nestroy, ein Kerl kalt wie Hundeschnauze. Raimund dagegen…

Franz Xaver Kroetz ist wieder da in München – und wenn sie schon seine Stücke nicht mehr spielen, wofür es manchmal (manchmal!) gute Gründe gibt, dann tun die Häuser hierzulande gut daran, ihn als Regisseur eines aussuchen zu lassen. Schließlich mag es oft genug recht tierisch zugehen auf deutschen Bühnen, mit den richtigen Theatertieren aber ist’s nicht mehr weit her. Hier jedoch ist noch eins, du merkst es gleich, Timing, Tempo, Technik, alles stimmt.

Früher hätte Kroetz „Lunpacivagabundeus“ gewollt. Jetzt nimmt er den „Bauer als Millionär“ – eine zarte Seifenblase an derber Handlung, vom Leben und Fast-Sterben des unverhofft reichen Mannes, der seine Ziehtochter dem Fischerbuben nicht rausrücken will und sich folglich mit dem Feenreich anlegt, wo die Tochter halb herstammt. Ein Volksstück mit erhobenem kleinen, nicht Zeige-Finger, allegorisch und erdnah zugleich, in dem am Ende alles gut wird und der Bauer Fortunatus Wurzel buchstäblich aus der Asche steigt. Raimund war auf der moralischen Seite einigermaßen davon überzeugt, dass man mit Verzicht im Leben weit kommt, und auf der praktischen Seite ziemlich sicher, dass man sich auch gesund lachen kann. Kroetz nimmt das ernst und holt das Stück buchstäblich heim. Zwar ist die Bühne äußerlich Wien vor 170 Jahren, eine geputzte Komödienstube, gleichzeitig aber Prien heute: Bauerntheater. Mit wilden Pappmasken und artigem Kinderchor ("Weißt du, wieviel Sternlein stehen"), kleineren Explosionen, knatternden Fensterläden und Harmoniemusik durch das kleine Orchester.

Nicht nur die Couplets, ein unverzichtbarer Bestandteil Raimundscher Stücke, hat Kroetz selber brillant umgeschrieben - hauptsächlich für Jörg Hube. Überhaupt ist es - neben einem Ensembleabend erster Güte - vor allem die große Hube-Show, die hier mählich und gründlich abrollen kann, denn Kroetz hat aus dem österreichischen Wurzel flugs einen Bayern gemacht, und so muss sich der Hube nicht groß verrenken, sondern lediglich verstellen: als Protz und Prolet, als armer, alter Schlucker, als Reich-Ranicki (gar nicht dumm beim Extemporieren) und schließlich als Aschenmann.

Um diese exakt zwischen Krachschlagen und Leisetreterei ausbalancierte Hauptrolle herum gruppiert Kroetz seine anderen Darsteller. Sie geben nicht nur oberflächlich Text ab, sondern lassen immer auch seine tiefere Bedeutung erkennen. Stellvertretend hier: die frisch-freche Zufriedenheit von Sibylle Canonica, das genial verschusselte schwäbische Ajaxerle von Richard Beek, das würdig zittrige hohe Alter des Toni Berger und die resolute Romantik der Fee Lakrimosa von Eva Rieck.

Raimunds „Bauer“ changiert seltsam zwischen der Schauerromantik des „Freischütz“ und dem leicht schwermütigen Konversationston von Mozarts „Così". Überhaupt hat Raimund ja viel von Mozart, und so häufig Kroetz auch Ulk und Unfug treiben lässt auf der Bühne (mit Geisterbahnkegeln, musikalischen „Kir-Royal"-Selbstzitaten und debil grinsenden Papp-Kühen), so oft findet er auch märchenhaft sicher zurück zu den melancholischen Passagen, wo der eben noch kraftstrotzende Herr Wurzel den Schlafrock anziehen muss, weil ihm das Alter sagt: „Wenn S’ mich auch nicht mehr sehen, Sie werden mich schon spüren." Dem Kroetz sieht man das Altern nicht an. Aber die Inszenierung gibt deutlich zu spüren, dass er besser mit sich leben kann als früher. Eins noch: Man bekommt Lust, Sekt ins Bier zu schütten. So ein Abend ist das. Ovationen. Mirko Weber

Wieder morgen sowie am 9., 13. und 14. Juli.

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