Kultur : Protzigen Pylonen

An der Architektur der siebziger Jahre scheiden sich die Geister.Was bei der Kontroverse um Erhaltung oder Abriß dieses architektonischen Erbes selten zur Sprache kommt, ist die Frage, wie man die Bauten der Ära in zeitgenössische Ensembles einbeziehen kann - die siebziger Jahre weiterbauen.Eben dazu hatte das Architektenehepaar Walther und Lea Betz 1995 Gelegenheit, als es galt, den ab 1973 errichteten Hochhausturm der Münchener Hypo-Vereinsbank durch einen Neubau zu ergänzen.Crux des Unternehmens: die Beauftragten hatten auch das ältere Gebäude entworfen.Es galt also Stellung zu beziehen zur eigenen, früheren Arbeit.Über das Ergebnis informiert eine Ausstellung in der Galerie Aedes East.Während der metallisch glänzende, in drei gigantischen Pylone eingehängte Baukörper des Turmhauses in stolzer Geste seine Umgebung beherrscht, gibt sich das in eine Ecksituation eingefügte Hypohaus-Ost fast introvertiert.Den ausladenden Mega-Formen des "Altbaus" stellt es eine elegant-filigrane Glashaut entgegen, die das mehrgeschossige Atrium wie auch die straßenseitige Fassade umschließt.Der Neubau wird dadurch zum kleine Antagonisten des Hochhausturms und mildert zugleich dessen städtebauliche Desintergration.Die zweischalig Fassade spart Energie: Ihren äußeren Mantel bildet eine Front aus beweglichen Glaslamellen, die im Winter Wärme aufnehmen und Licht ins Haus lenken sollen.Abgesehen von den Hauptwerkstoffen Glas, Stahl und Aluminium hat das 1997 vollendete Haus mit seinem großen Bruder nichts gemein.Mit ihrem Weg vom trutzigen Turmbau zum Öko-Haus geben die Bauschöpfer zu erkennen, daß ihr gestalterische Entscheidung von Moden und Zeitströmung ebenso sehr wie von der persönlichen Handschrift bestimmt wird - eine Offenheit, die Anerkennung verdient

Galerie Aedes East, Rosenthalerstraße 40, bis 30.Mai, Katalog 20 DM

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