Provenienzforschung an der Berlinischen Galerie : Dem Licht entgegen

Die Berlinische Galerie hat einen Zyklus des Jugendstil-Malers Fidus restituiert – und danach gekauft. Das Beispiel zeigt, was Provenienzforschung leisten kann.

Freikörperkultur. Das dritte Bild aus dem fünfteiligen Fidus-Zyklus "Tempeltanz der Seele" (um 1910).
Freikörperkultur. Das dritte Bild aus dem fünfteiligen Fidus-Zyklus "Tempeltanz der Seele" (um 1910).Foto: Berlinische Galerie / VG Bild-Kunst Bonn 2017

Die Bilder sind nicht einmal groß, nur 100 mal 70 Zentimeter. Und doch entfaltet jedes einzelne des fünfteiligen Jugendstil-Zyklus „Tempeltanz der Seele“ von Fidus aus dem Jahr 1910 eine Wucht. Mit exaltierter Geste entledigt sich die junge Frau zunächst ihrer Kleider, wirft den Gürtel temperamentvoll hinter sich. Auf Bild Nummer zwei genießt sie sich nackt reckend die neue Freiheit, auf drei beginnt sie ihren Tanz, auf vier gerät sie in Ekstase, Bild fünf zeigt den Akt regungslos aufrecht stehend vor einer glühenden Sonnenscheibe. Die Schöne badet still im Licht, eine Apotheose der geistigen Dynamiken in der Natur, ein Drama in fünf Akten, das zum glücklichen Ende führt.

Ein Drama hat auch der Zyklus von Fidus hinter sich, obwohl er seit über 40 Jahren der Berlinischen Galerie gehört und friedlich in der Dauerausstellung hängt. Ein Zufall, die Entdeckung einer verräterischen Postkarte von 1947 durch den hauseigenen Provenienzforscher Wolfgang Schöddert brachte an den Tag, dass die vom Fidus- Schüler Joachim Giesche noch in der Gründungsphase der Berlinischen Galerie erworbene Serie mitnichten anstandslos dem Museum gehört. Darin schreibt Giesche, dass er den Tempeltanz „von dem jüdischen Erben Neuhäuser nach 1933“ erworben habe. Schöddert begann die Biographien der Neuhäusers zu recherchieren und stieß auf das tragische Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Familie: Der bereits seit Ende der 20er Jahre verwitwete Berliner Trikotagenfabrikant nahm sich 1935 verzweifelt das Leben, die Tochter konnte nach Australien fliehen, der Besitz blieb im Land zurück und zerstreute sich.

Schöddert erzählte die Geschichte nun erneut bei einem Pressetermin der Berlinischen Galerie, für die es trotz allem ein happy end gibt, wie es Direktor Thomas Köhler formulierte. Wie durch ein Wunder, indem er in sozialen Netzwerken die Spur aufnahm, stieß der Provenienzforscher in Australien auf eine Enkelin des Sammlers, konnte außerdem Kontakt mit einer ebenso überraschten Schwester in den USA aufnehmen. Einer Restitution stand damit nichts mehr im Weg. Sie fand ihren glücklichen Ausgang auch für die Sammlung, denn die beiden Erben waren bereit, den Zyklus dem Museum käuflich zu überlassen. Kultursenator Klaus Lederer bot sich damit zugleich eine günstige Gelegenheit, Fortschritte in Sachen Provenienzforschung bei Einrichtungen des Landes vorzustellen.

Mehr Mittel für Provenienzforschung vom Senat

Berlins berühmtester Restitutionsfall, die Rückgabe von Kirchners „Straßenszene“ aus dem Brückemuseum ist auch nach elf Jahren noch in böser Erinnerung. Damals gab es eine hässliche Debatte um die Rechtmäßigkeit, der Senat wurde beschimpft, die Kulturstaatssekretärin vom Freundesverein des Museums sogar verklagt. Die Haltung hat sich seitdem gründlich verändert, der Causa Gurlitt fünf Jahre später die Sicht vieler damaliger Kritiker korrigiert. Inzwischen gehört die Provenienzforschung zum Instrumentarium eines jeden Museums, das auf sich hält. Die Berlinische Galerie betreibt sie seit 2006, seit dem Kirchner- Eklat, damals noch unterstützt durch die Ferdinand-Möller-Stiftung, denn der Nachlass des Kunsthändlers befindet sich im Hause. Lederers frohe Botschaft bestand darin, dass durch Aufstockung des Kulturetats im Berliner Doppelhaushalt 2018/19 die drei Stellen für Provenienzforschung an der Berlinischen Galerie, dem Stadtmuseum und der Landesbibliothek entfristet werden können, außerdem Mittel auch für kleinere Einrichtungen bereitstehen. Die Recherchemöglichkeit würden damit ab 2018 verstetigt, so Lederer. Na endlich, möchte man da ausrufen. Das wurde Zeit.

Wolfgang Schöddert macht damit weiter wie bisher, vielleicht nur etwas entspannter. Von den 6500 Werken, die vor 1945 entstanden sind und damit unter Verdacht stehen, Raubkunst zu sein, konnte er bisher für 1400 die Besitzverhältnisse klären. Sie gehören zu Recht dem Haus und dürfen bleiben. Der Fidus-Zyklus stellt die bisher einzige erfolgte Restitution des Museums dar. „Das ist eine Geschichte von 5000, die wir in Zukunft recherchieren wollen und müssen,“ so der Provenienzforscher.

Auch der Hintergrund des Zyklus leuchtet neu auf

In zwei Vitrinen vor dem Zyklus sind nun die Puzzle-Teile seiner Suche ausgebreitet: jene Postkarte des Fidus-Schülers, die den Anstoß gab, ein Brief von Richard Neuhäuser an den Künstler, bei dem er den Zyklus für sein Musikzimmer bestellte, die protokollierte Aussage seiner späteren Lebensgefährtin, der Atemtherapeutin Margarete Hornauer, beim Wiedergutmachungsamt nach dem Krieg über die einstigen Besitzverhältnisse der vertriebenen Familie.

Damit leuchtet auch der Hintergrund des Zyklus neu auf. Fidus, Protagonist der Lebensreformbewegung, war ein gefragter Künstler beim liberalen Großbürgertum, das sich ebenfalls vom Korsett der wilhelminischen Gesellschaft zu befreien wünschte und dies zumindest in der Kunst wagte. Richard Neuhäuser aber gewann mit seinem Auftrag auch umgekehrt für Fidus Bedeutung, denn die Idee für einen Zyklus ging auf ein Erlebnis viele Jahre früher zurück, als er den Walzer „An der schönen blauen Donau“ in Potsdam gehört hatte. Damals formte sich seine Vision von einer Darstellung des idealen Tanz, eine Begegnung mit Isadora Duncan konkretisierte sie. Durch die Bestellung für das Musikzimmer der Neuhäuserschen Wohnung am Bayerischen Platz aber wurde sie erst Realität und für den Künstler ein wichtiger Schritt voran. Welchen Weg sein Zyklus weiter nehmen sollte, ahnten da weder er noch sein Auftraggeber.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Mi bis Mo 10 – 18 Uhr.

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