Provenienzforschung : Die Würde der Toten

Wie sollen Museen mit menschlichen Überresten umgehen? Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat 2011 eine Schädelsammlung übernommen. Jetzt widmet sie der Frage ein Forschungsprojekt.

Anne-Sophie Schmidt
Gemeinsam forschen, gemeinsam entscheiden: Igor Cesar (l), Botschafter der Republik Rwanda, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sprechen über das Provenienzforschungsprojekt zur anthropologischen Sammlung menschlicher Schädel.
Gemeinsam forschen, gemeinsam entscheiden: Igor Cesar (l), Botschafter der Republik Rwanda, und Hermann Parzinger, Präsident der...Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Felix von Luschan war ein eifriger Sammler. Über 6000 Schädel ließ der Mediziner und Anthropologe seit 1885 von Feldforschern aus der ganzen Welt zusammentragen, um an ihnen die menschliche Entwicklung zu erforschen. Lange Zeit lagerte Luschans Sammlung in den feuchten Kellern der Berliner Charité, bis diese sie 2011 dem Museum für Vor- und Frühgeschichte übergab.

Ein Teil dieser Sammlung ist nun Gegenstand eines Pilotprojekts der Provenienzforschung, das die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) diese Woche vorstellte. Bei rund 1000 Schädeln sollen die genaue Herkunft und die Erwerbsumstände der Schädel recherchiert werden, auch sollen Grundlagen dafür erarbeitet werden, wie Forschungseinrichtungen und Museen ehemaliger Kolonialmächte angemessen mit menschlichen Überresten aus den Kolonien umgehen können. Ein internationales Netzwerk soll entstehen, bei dem Wissenschaftler aus den Herkunftsländern mit deutschen Kollegen kooperieren.

Das Projekt ist auch die Reaktion auf Kritik. Zuletzt hatte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die aus dem Beirat des Humboldt Forums zurücktrat, der Stiftung vorgeworfen, sie interessiere sich nicht genug für die Herkunft ihrer Sammlungen. Besonders umstritten ist der Umgang mit menschlichen Überresten. Was tun mit Gebeinen, mit Schrumpfköpfen? Die Achtung vor der Würde der Toten sorgt für teilweise erhebliche Vorbehalte gegen die Aufbewahrung ihrer Überreste außerhalb von Begräbnisorten oder geweihten Plätzen, erst recht gegen die museale Präsentation. Deshalb hat die SPK Grundpositionen entwickelt, deren Leitidee höchste Sensibilität ist. Und: Erst müsse die genaue Herkunft geklärt werden, bevor über eine weitere wissenschaftliche Verwendung oder eine Rückführung der Objekte nachgedacht werden kann.

Der ruandische Botschafter begrüßt die Zusammenarbeit

Ein Großteil der rund tausend Schädel stammt aus dem heutigen Ruanda. Die Mehrzahl davon wurde Grabstätten entnommen, die Herkunft der übrigen Schädel soll in den nächsten zwei Jahren von einem vierköpfigen, interdisziplinären Wissenschaftlerteam geklärt werden, in Zusammenarbeit mit Kollegen aus Ruanda. Igor Cesar, der ruandische Botschafter, begrüßt das Projekt und gibt diplomatisch zu verstehen, dass er hoffe, die ruandischen Wissenschaftler würden mehr als nur symbolisch eingebunden.

Gefördert wird das Projekt von der Gerda Henkel Stiftung, die 530 000 Euro zur Verfügung stellt. Sie investiert auch deshalb so viel, weil sich beispielhaft zeigen lasse, wie man Rückgabekonzepte entwickeln und die betroffenen Länder auf Augenhöhe mit einbeziehen könne. Der Vorsitzende der Stiftung, Michael Hanssler, nennt es einen „überfälligen, fairen Dialog“. Stiftungspräsident Hermann Parzinger betont: „Rückgaben sind wichtig und es wird sie geben, aber wir wollen natürlich wissen, was damit passiert.“ Den schwierigen Fragen der Kolonialgeschichte wolle man sich stellen – und über Rückführung nicht alleine entscheiden, sondern gemeinsam mit Wissenschaftlern aus den jeweiligen Ländern. Ein Austausch, der bei aller Dialogbereitschaft wohl nicht ohne Reibungen verlaufen wird. Anne-Sophie Schmidt

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