Kultur : Provinz ist, wo ich nicht bin

Sprungbrett Komische Oper: Aus dem Orchestergraben des Berliner Musiktheaters starten Dirigenten zu Karrieren in aller Welt

Frederik Hanssen

Prachtvoll strahlt der Mond vom wolkenlosen Himmel, taucht die Schweriner Altstadt in schmeichelhaftes Licht. Auch drinnen, im verschwenderisch mit Neorenaissance-Ornamenten ausgeschmückten Saal des Mecklenburgischen Staatstheaters ist im Bühnenbild von Thomas Gruber der Vollmond aufgegangen. Doch die Klänge, die aus dem Orchestergraben dringen, lassen keine sanften Träumereien zu: Von der ersten Sekunde an macht Matthias Formeny klar, worum es in Leos Janaceks „Katja Kabanova“ geht. Um glühende Seelen nämlich, die sich in Sehnsucht verzehren, die vor Liebe und Freiheitsdrang brennen – und darum rebellieren gegen das emotionale Korsett, in das sie Schwiegermütter und Erbonkel zwingen. „Manchmal, wenn ich träume, fliege ich“, singt Gun-Brit Barkmin. Und es klingt kein bisschen kitschig, weil ihre Augen dabei blitzen, dass es einem durch Mark und Bein geht. Und weil Janaceks gleißende, expressionistisch-wilde Musik beglaubigt, dass es dabei tatsächlich um existenzielle Fragen geht.

Wie modern, wie heutig die Gefühle der Protagonisten in dieser 1921 uraufgeführten Oper sind, wie nahe uns das Mädchen Katja aus der tiefen russischen Provinz steht, davon erzählt Matthias Foremny, wenn er mit den präsenten Streichern, den „menschlich“ klingenden Holzbläsern der Mecklenburgischen Staatskapelle den Spannungsbogen bis zum Zerreißen spannt, wenn er die Scharfkantigkeit der Partitur in keiner Szene beschönigt. Mag die Rolle der Katja für Gun-Brit Barkmin noch etwas zu früh kommen (und die ihrer bösen Schwiegermutter für Ute Trekel-Burckhardt etwas spät), mag sich die Inszenierung von Matthias Oldag im reibungslosen Organisieren der Auf- und Abtritte erschöpfen, dieser Abend in Schwerin ist Dank Matthias Foremnys packender Musikdramaturgie auf jeden Fall hörenswert.

An der Komischen Oper Berlin, wo der 31-jährige Dirigent bis zum Sommer als Kapellmeister angestellt war, wird man seinen unprätentiösen, ergebnisorientierten Arbeitsstil vermissen. Bevor Formeny Operndirektor in Schwerin wurde, hat er hier in drei Spielzeiten 18 Werke geleitet, zuletzt verhalf er mit Regisseur Barrie Koski Ligetis „Le Grand Macabre“ zu einem unerwarteten Publikumserfolg.

Andererseits war klar, dass der aus Detmold engagierte Dirigent nicht ewig in Berlin bleiben würde. Denn die Komische Oper ist eine echte Karriereschleuder für junge Kapellmeister. Weil sich jeder, der hier im harten Alltag des Repertoirebetriebs mit fast täglich wechselnden Stücken überlebt hat, hinterher überall zurechtfindet. Und weil die Leitung der Komischen Oper in den vergangenen Jahren stets ein glückliches Händchen bei der Ernennung ihrer musikalischen Leiter bewiesen hat.

Mochten misslungene Inszenierungen und Querelen hinter den Kulissen noch so oft für Negativschlagzeilen sorgen, an der Qualität der akustischen Seite des Musiktheaters hatten die Kritiker selten Essenzielles auszusetzen. Kein Wunder, dass sich da schnell andere Häuser für die Dirigenten der Komischen Oper interessierten. Shao-Chia Lü (von 1995 bis 1998 in Berlin) wurde zuerst nach Koblenz abgeworben und ist inzwischen Musikchef am Opernhaus von Hannover. Tetsuro Ban zog es nach vier Lehrjahren in der Behrenstraße 2002 zurück in heimatliche Gefilde. Derzeit steht er in Tokyo bei „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach im Orchestergraben.

Die allersteilste Karriere machte Vladimir Jurowski, der Sohn des in Berlin hoch geschätzten, vor allem an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße viel beschäftigten Michail Jurowski. Kaum hatte der 1972 geborene Vladimir in der Behrenstraße seine eminente Begabung unter Beweis gestellt, prasselten die Angebote aus aller Welt nur so auf seinen Schreibtisch. Er entschied sich für die Leitung des renommierten Opernfestivals im südenglischen Glyndebourne.

Auch Kyrill Petrenko, Nachfolger des inzwischen beim Netherlands Philharmonic Orchestra in Amsterdam tätigen Yakov Kreizberg (der bis Herbst 2001 die musikalischen Geschicke der Komischen Oper lenkte), absolviert neben der intensiven Arbeit an „seinem“ Haus diverse Debüts in den Metropolen der Musikwelt. Zum Beispiel in London, wo der ebenfalls noch blutjunge Russe eine ganze Serie von Puccinis „Madama Butterfly“ am Royal Opera House Covent Garden übertragen bekam – und mit kluger Dirigentenhand das Publikum davor rettete, bei der todlangweiligen, in puncto Bühnenbild wie Personenführung gleich mäßig inspirierten Produktion des Regie-Duos Patrice Caurier und Moshe Leiser dem Theaterschlaf anheim zu fallen.

Petrenko dirigierte Puccinis Japan-Melodram perfekt austariert in den Orchesterfarben, mit einem kühlen, wie Perlmutt schimmernden Exotismus als Grundton und duftigen Schattierungen für die emotionalen Höhepunkte. Dass Covent Garden eines der besten Opernorchester der Welt hat, wurde aufs beglückendste deutlich, wenn die Musiker Petrenko in seinen sehr straffen Tempi mit absoluter Präzision folgten, dort, wo er mit durchsichtigem Klang seine Kitschvermeidungsstrategie realisierte, um dann seiner Titelheldin Li Ping Zhang alle Zeit für ihr „un bel di vedremo“ zu lassen, so dass sich der Tagtraum der verlassenen Japanerin in seiner ganzen anrührenden Zärtlichkeit entfalten konnte.

Während Kyrill Petrenko noch seinen Londoner Triumph auskostete, ging daheim in Berlin bereits ein neuer Kapellmeister in Stellung: Jin Wang, ein Chinese mit österreichischem Pass, der Leonard Bernstein zu seinen Lehrern zählen darf und schon jede Menge Erfahrungen mit Orchestern in Tschechien und den skandinavischen Ländern sammeln konnte. Im November und Dezember übernimmt er von Petrenko die Leitung von Peter Kowitschnys heiß diskutierter Produktion des „Don Giovanni“. Eine echte Feuerprobe ganz im Stil der Komischen Oper.

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