• Prüderie! Blasphemie! Giuliani! - New Yorks Bürgermeister geht gegen die Ausstellung "Sensation" vor

Kultur : Prüderie! Blasphemie! Giuliani! - New Yorks Bürgermeister geht gegen die Ausstellung "Sensation" vor

Robert von Rimscha

London, Berlin, New York? die kalkulierten Tabubrüche junger Künstler sind alles andere als gern gesehenRobert von Rimscha

Kunstskandale in Amerika erheitern die Außenwelt durch ihre Vorhersagbarkeit. Da haben die beiden Jungstars von "Good Will Hunting", Matt Damon und Ben Affleck, sich in ihrem neuen Film "Dogma" als Engel verkleidet und finden Jesus im Bordell. Also schreien Amerikas Katholiken auf. Die gegenseitigen Anwürfe sind die immerselben: "Prüderie!" schreien die Verfechter der Kunstfreiheit, "Blasphemie!" die Sittenwächter.

Ein wenig komplexer liegen die Dinge beim gegenwärtig in den USA führenden Aspekt des nimmermüden Kulturkrieges. "Sensation", die Austellung neuer britischer Kunst aus der Sammlung des englischen Wegemagnaten Saatchi, hat gerade im New Yorker Stadtteil Brooklyn eröffnet, nachdem sie in London und Berlin für Aufsehen gesorgt hatte. Bürgermeister Ralph Giuliani, der voraussichtliche Gegenspieler Hillary Clintons im 2000er-Wahlkampf um New Yorks Senatorensitz, hat sich empört gezeigt und das, was da als Avantgarde präsentiert wird, in die Schubladen "Schmutz" und "Dreck" und "krankes Zeug" einsortiert. Dazu genügte ihm der Blick in den Katalog. Bei einer Vorbesprechung im Juli hatte Giuliani keine Einwände geäußert. Dies behauptet zumindest Museumsdirektor Arnold Lehman.

Kristallisationspunkt des Streits sind zwei Werke: Chris Ofilis Darstellung der Jungfrau Maria, umgeben von Elefanten-Dung, und Damien Hirsts Hai in Formaldehyd. In London und schließlich Berlin hatte dies kaum jemanden aufregen können. Dafür gab es um "Myra", das Porträt einer Kindesmörderin, einen Skandal; Angehörige der Opfer hatten das Gemälde mit Farbbeuteln beworfen. Nach seiner Reinigung blieb es bis zum Schluß unbehelligt in der Ausstellung. In Amerika aber liegen die Dinge anders. Ein Republikaner wie Giuliani als Streiter für den guten Geschmack - das ist nicht neu. Neu ist, dass der New Yorker Kulturkrieg mit ungewöhnlich harten Bandagen ausgetragen wird. Giuliani hat dem "Brooklyn Museum of Art" die längst genehmigten Zuschüsse von sieben Millionen Dollar, ein Drittel des Budgets, gestrichen. Dagegen hat Lehman für sein Museum geklagt. Giuliani hat geantwortet, indem er seinerseits das Museum wegen eines angeblichen Bruchs der mietvertraglichen Bestimmungen angezeigt hat. Beide Prozesse sollen bereits in den nächsten Wochen beginnen.

Darf der Staat Kunst zensieren? Das ist die Formel, auf die viele den Streit bringen. Die "New York Times" beispielsweise kommentierte: "Giuliani gefährdet ernsthaft den Ruf New Yorks als kulturelle Weltmetropole. Er verletzt seine Rolle in dramatischer Weise und macht aus sich und der Stadt eine Lachnummer." In der entsprechenden US-Terminologie fühlen sich die Verteidiger der "Sensation"-Ausstellung als Hüter des "First Amendment", des ersten Verfassungszusatzes, der die Freiheit der Rede und des künstlerischen Ausdrucks garantiert. Die Schauspielerin Susan Sarandon hat bei einer Pro-Demo gerufen: "Wir leben in Amerika! Und, bitte sehr, dies ist New York! Wo lebt dieser Bürgermeister eigentlich?"

Giuliani argumentiert, mit Meinungsfreiheit habe die Debatte herzlich wenig zu tun. Natürlich dürfe jeder malen und ausstellen, was er wolle. Es gehe um Staatszuschüsse. Es sei dem Steuerzahler des Bundesstaates New York nicht zuzumuten, Kunst zu subventionieren, die von den Allermeisten als anstößig empfunden werde. In einem Punkt hat Giuliani ausgerechnet die Schützenhilfe von Philippe de Montebello erhalten, dem Direktor des "Metropolitan Museum of Art". Montebello hat zu Protokoll gegeben, es handele sich bei den meisten Werken der "Sensation"-Show tatsächlich um abstoßende, schlechte Kunst und um Künstler, die vor allem eines verdient hätten: vergessen zu werden oder unbekannt zu bleiben. "Was die Qualität angeht, hat Giuliani Recht", meint Montebello.

Die Bilderstürmerei war gut terminiert. "Sensation" öffnete am 2. Oktober die Tore, am Jahrestag eines amerikanischen Gerichtsurteils. Der für eine Robert-Mapplethorpe-Ausstellung verantwortliche Museumsdirektor war vom Vorwurf der öffentlichen Zurschaustellung von Obszönität und Pornographie freigesprochen worden. Der Fall landete schließlich vor dem Obersten Gerichtshof, der in kryptischer Weise entschied: Generelle Richtlinien für "dezente" Kunst dürfe ein öffentlicher Geldgeber schon einfordern, nur könne er sich nicht konkret als Richter über den Gehalt von Werk X oder Werk Y erheben, wenn die Grundsatzentscheidung zur Bezuschussung einer Kultureinrichtung erst einmal gefallen sei.

Gerade ist in Kentucky das Wort "Evolution" aus dem Lehrplan gestrichen und durch die Formulierung "Wechsel der Lebensformen" ersetzt worden. Im Sommer hat Kansas Darwins Lehre komplett von der Liste der Prüfstoffe gestrichen. Die Auflösung des Bundes-Erziehungsministeriums und der Fördereinrichtung NEA ("National Endowment for the Arts") gehört seit langem zum Standard-Forderungskatalog rechter Republikaner. Giuliani steht im Wahlkampf und will seine Stammwähler ruhig stellen, die er mit ansonsten für einen Konservativen unorthodoxen Positionen zu verstören pflegt. Der Law-and-Order-Mann tritt für die Abtreibung, ausgeweitete Rechte für Homosexuelle und schärfere Waffenkontrollgesetze ein. Bei Wohltätigkeits-Galas und Prominenten-Shows auf New Yorks Bühnen erscheint Giuliani immer mal wieder in Frauenkleidern. Der ganz normale Rechte ist er keinesfalls. Umso schlimmer sind die Konzession, die er seiner Stammwählerschaft schuldig zu sein glaubt.

Darüber hinaus ist der Streit um die "Sensation"-Ausstellung ein weiterer Beleg für die These, dass es dem plebiszitär-demokratischen Amerika, in dem Landeslisten und Fraktionszwänge unbekannt ist, extrem schwer fällt, ein Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Kunst zu definieren, das letzterer auch dann Freiräume lässt, wo die allentscheidende Mehrheit sich mit Grausen abwendet. Amerika ist eben Konflikt-, nicht Konsensgesellschaft. Wo Deutsche in Präsentationen moderner Kunst mit schweigendem Kopfschütteln reagieren, erhebt sich in den USA sofort der Volkszorn der Verletzten. Eben diesen Volkzorn kanalisiert Giuliani, dessen ist er zumindest sich selbst hundertprozentig sicher.

Peter Norton, der Erfinder der nach ihm benannten Anti-Virus-Programme und Hobby-Kunstsammler, war bei der gutbesuchten Eröffnung der "Sensation"-Schau. "Was für ein Geschenk des Bürgermeisters!", freute er sich. "Soviel Publizität ist unbezahlbar!" Giuliani selbst zog an diesem Tag die Oper vor. Erstmals wurde er in der "Met" nicht mit Applaus begrüßt, sondern langanhaltend ausgebuht.
© 1999

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