Kultur : Prügel auf dem Flügel

Hofschranzen bitten zum Tanz: Herbert Fritsch jagt in Oberhausen „Emilia Galotti“ über die Bühne

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Komisches steckt in allen Dingen. Lessing und seine Laster. Foto: Klaus Fröhlich Foto: Klaus Fršhlich
Komisches steckt in allen Dingen. Lessing und seine Laster. Foto: Klaus FröhlichFoto: Klaus Fršhlich

„Emilia Galotti“ ist aus heutiger Sicht ziemlich schwer zu verkraften. Schon die Oberkeuschheit, in der die großäugige Bürgerin ihrer Trauung mit dem Grafen Appiani entgegenjuchzt, entbehrt für Zeitgenossinnen jeder Identifikationschance. Dass sich neben Appiani auch der Prinz von Guastalla für Emilia interessiert, hat dann folgerichtig gleich tödliche Konsequenzen. Mithilfe seines schmierigen Kammerherrn Marinelli lässt der Prinz Emilias Hochzeitskutsche überfallen, um die Angebetete zu entführen, wobei Appiani das Zeitliche segnet. Als sich Emilia, immer noch unbefleckt, auf Hettores Lustschloss wiederfindet, bittet sie ihren Vater, sie zu erdolchen. Sie möchte um Gottes willen gar nicht erst in Versuchung kommen!

Für Herbert Fritsch, die unangefochtene neue (Komödien-)Regiehoffnung des Landes, klingt das nach einem erstklassigen Stoff. Schließlich hat der ehemalige Volksbühnen-Schauspieler vergangenes Jahr am Theater Oberhausen mit Ibsens „Nora“ bereits eine andere in die Jahre gekommene Dramenfigur lässig entstaubt. Die Heldin des Emanzipationsklassikers von 1879 hockte bei Fritsch als schräge Mischung aus Kobold und Primaballerina im Hitchcock-affinen Horrorkabinett der ewigen Sexualneurosen fest und ließ die tatterigen Greisenhände, die sich an ihrem Babydoll-Kleidchen zu schaffen machten, souverän abtropfen.

So weit geht Fritsch beim Saisonauftakt in Oberhausen jetzt nicht. Sein Zugriff auf Lessings 1772 uraufgeführte Tragödie ist wesentlich naheliegender als das Ibsen-Grusical: Emilia (Angela Falkenhan) bleibt unter ihrer zartrosa Turmperücke ganz Projektionsfläche und Unschuld vom Lande, wenn auch mit geboten fetten Parodiesignalen. Denn Fritschs Dreh besteht darin, das bürgerliche Trauerspiel zu einer Art Hofschranzenposse umzudeuten. Dabei trägt er der Tatsache, dass die Tragödie statt „Emilia Galotti“ eigentlich eher „Marinelli“ oder „Hettore“ heißen müsste, weil die Protagonistin ausschließlich als Opfer spätpubertärer Hahnenkämpfe in Erscheinung tritt, mit Lust am Trash Rechnung. Marinelli, Prinz, Mutter oder Vater, so blinkt es jeweils in übergroßen Leuchtbuchstaben an der Brandmauer auf, wenn sich die albernen Knickerbocker-Lobbyisten und Rokoko-Kleidträgerinnen der Reihe nach an die Rampe wanzen, um ihre jeweiligen Eigeninteressen durchzusetzen.

Besonders tumb stellt sich dabei der weltfremde Prinz (Martin Hohner) an, der hier mit seiner orangefarbenen Lockenperücke wie der halbgare Bruder des archetypischen Clowns Ferdinand aussieht. Während er abendfüllend als Volltrottel über die Bühne hüpft, hat es Marinelli in seinem schwarz-weiß gestreiften Catsuit vergleichsweise leicht, sich ölig von Intrige zu Intrige zu winden.

Nora Buzalka widerlegt in einem schön schnippischen Auftritt als abgelegte Prinzengeliebte Orsina zielsicher die Philosophinnenmentalität, die Lessing der Rolle zuschreibt. Und Martin Müller-Reisinger exekutiert die Aufrichtigkeit des Lessing’schen Appiani ebenfalls souverän, indem er ihm den Charme und die Feinmotorik eines Nussknackers verleiht.

Kurzum: Alles Schauer-Groteske, viel (Film-)Zitat und schwerer Triebstau unter den Reifröcken. Otto Beatus lässt dazu am Klavier – diesmal das zentrale Requisit auf Fritschs Bühne – Mozart perlen. Man darf gespannt sein, ob der spätestens seit seiner Doppeleinladung zum Berliner Theatertreffen 2011 verdientermaßen überbeschäftigte Fritsch das nächste Mal dann wieder zu einer dramatischen Radikalkur à la „Nora“ ausholt. Die Gelegenheit ergibt sich schon im November am Hamburger Thalia Theater mit dem unverwüstlichen „Raub der Sabinerinnen“.

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