Kultur : Prunkender Ekel

PETER HERBSTREUTH

Das historische Bernsteinzimmer ist verschollen.Friedrich Wilhelm I.hatte es 1717 Peter dem Großen geschenkt, der es in einem Schloß bei St.Petersburg einbauen ließ.1941 wurde es von Soldaten der deutschen Wehrmacht demontiert und nach Königsberg gebracht.Seit Kriegsende scheint keine offizielle Stelle zu wissen, wo sich die kostbare Wandtäfelung befindet.Doch Spekulationen über den Verbleib brechen nicht ab.

Was interessiert einen Künstler daran? Zunächst die Mischung aus Geschichte und Gerücht und die Verwicklung in das Reizwort "Raubgut".Dann die Verbindung von prunkendem Ekel und materiellem Wert.Bereits eine eiergroße Brosche ist für ästhetisch Feinfühlige eine Zumutung, um so mehr, wenn darin ein Insekt sein Grab gefunden hat.Ein ganzes Zimmer des braungelb leuchtenden Insektenfriedhofs müßte dem Beschenkten eigentlich schweißtreibende Albträume verursachen.Doch wie man weiß und Friedrich Wilhelm ahnte, sieht man das Bernsteinzimmer nicht als Tiermausoleum, sondern als Demonstration materiellen Werts, der sich der Kuriosität und der Seltenheit verdankt.Das ändert alles.Teure Dinge erscheinen nicht häßlich.Billige schon eher.

Hirschhorn interessiert sich für Umwertungen.Er hat seine Version des Bernsteinzimmers in einer Vitrine ausgestellt.Wandtäfelungen und Reliefs aus grauen Müllsäcken glänzen, eingepackt in Zellophanpapier, in kühlem Neonlicht.Er verkehrt alles, nimmt billiges Verpackungsmaterial, verhüllt darin die nachgemachten Formen der Täfelung, Möbel, Kleinskulpturen und Kandelaber.Damit ist er als Kopist aus dem Schneider.Denn er zeigt verhüllt, worauf er sprachlich deutet.

Doch das allein wäre kein Werk.Hirschhorn inszeniert das Bernsteinzimmer als Teil des Medien-Events und begegnet der Überfülle mit dem Ordnungsprinzip von Nachrichtenmagazinen: das Nichtzusammengehörige ins Chaos geordnet.Wulstige Tränensäcke aus Silberpapier, deren Rinnsale sich schlangengleich mit der Vitrine verbinden, lagern auf zwei langen Tischen.Daran klebt ein Essay Václav Havels über den Haß, Reportagen über die Rolle Emil Noldes während der Nazi-Zeit und ein Bericht über die eigenwillige Inszenierung der Werke der Barnes-Sammlung in Philadelphia neben Gedichten von Ingeborg Bachmann.Und dann und wann erscheint uns engelgleich Kate Moss; mal wirbt sie für Chanel, mal für Calvin Klein.

Bisher wirkten Hirschhorns Werke nicht zuletzt durch die Direktheit, mit der er Vitrinen, Tische, Auslagen rasch und sorgfältig in Handarbeit mit Abfallprodukten und industriellem Billigmaterial erstellte.Das gab ihnen den Anschein illegaler Marktstände und spontaner Manifestationen.Nun stellt sich jenseits der inhaltlichen Bezüge die Frage, wie routiniert ein Künstler werden kann, bevor das Material ihm widerspricht.Früher waren seine Vitrinen mit transparenter Folie fingiert.Nun sind sie mit Sponsorenhilfe aus Echtglas.Umgekehrt läßt sich fragen, wie routiniert er werden muß, bis das Werk museumsreif ist.Dazwischen entscheidet sich alles.Doch schicker als jetzt darf der Müll nicht werden, sonst sieht es aus wie Kate Moss als Punkerin: just another gig.Hirschhorn hat in den letzten Jahren Schnellverderbliches und Beständiges wie Pappe und Silberpapier zum sprechenden Material gemacht.Er hat einen Weg gefunden, mit der Überfülle von Informationen umzugehen.Und er gehört zu den wenigen um die Vierzig, die sich mit gesellschaftlich-kulturellen Wertfragen beschäftigen.Es kann immer schiefgehen.Das macht jede Ausstellung zum Ernstfall.

Galerie Arndt + Partner, Auguststraße 35, bis 20.März; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr.

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