Kultur : Psychorausch und Fieberwahn

ROCK

Sassan Niasseri

Im Blaulicht betritt Billy Corgan die Bühne der Columbiahalle und stimmt das sanft zirkulierende „Mary Star Of The Sea“ an, das sich nach endlos-schwebenden Minuten zu einem Crescendo psychedelischer Pop-Harmonien steigert: ein dramatischer Auftakt, der mit seiner theatralischen Fieberkurve zwangsläufig an die Schwermut der legendären US-Rockband Smashing Pumpkins erinnert, deren Chef der für sein tyrannisches Ego berüchtigte Glatzkopf Corgan noch bis vor drei Jahren war. Dass er nun aus der Versenkung auftaucht und mit seinem neuen Bandprojekt Zwan den Neuanfang wagt, wird vom Publikum heftig bejubelt. Oder erwarten sie bloß eine Fortsetzung? Schnell wird deutlich, wie ähnlich doch Zwan den Pumpkins bleibt. Den Unterschied macht lediglich die Optik: Corgan hat sein Nosferatu-Kostüm gegen einen Karomuster-Pulli und bunte Glückseligkeit getauscht, während die neue, ebenso schweigsame wie folgsame Begleitband (mit Pumpkins-Drummer Jimmy Chamberlin) den bärbeißigen „Fargo“-Charme amerikanischer Tankwärter versprüht – Welten entfernt von der engelsgleichen Exotik, mit der die Pumpkins lärmten. Trotzdem wird es ein gutes Rockkonzert, mit vielen Soli, ohrenbetäubenden Rückkopplungen und wie aus dem Ärmel geschüttelten guten Melodien. Das Zwan-Debüt kann es locker mit Corgans besten Alben der frühen Neunziger aufnehmen. Nur verkaufen will sich dieser Melancholie-Rock heute nicht mehr.

Der sonst so grimmige Despot lacht ausgiebig, kann noch immer so wenig gut singen, dass es einem das Herz zerreißt, und drischt hektisch seine sehnsüchtigen Akkorde. Während des Schlusssongs, der Single-Auskopplung „Honestly“, bearbeitet er seine Gitarre mit den Zähnen und übt das Headbangen. Das geht okay. Wer seine Rockposen mit soviel Leidenschaft zelebriert, ist nie weg gewesen, sondern jenseits von Gut und Böse.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben