Puccinis „Tosca“ in Cottbus : Eine Diva sticht zu

Gänsehaut garantiert: Martin Schüler findet einen einfühlsamen und emotionalen Zugang zu Puccinis "Tosca". Das funktioniert vor allem durch die brillanten Leistungen des Cottbuser Ensembles.

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Szene aus "Tosca"
Szene aus "Tosca"Foto: Marlies Kross

Manchmal reicht es, einfach dem Stück zu vertrauen. Vor allem, wenn man so gut in eine Partitur hineinhören kann wie Martin Schüler. Puccini hat ja in seiner „Tosca“ wirklich jede Regung seiner Protagonisten auskomponiert. Er lässt das Orchester sprechen, die Handlung kommentieren, versteckt in der Musik sogar Hinweise auf unsichtbare Aktionen hinter der Szene – und der Intendant des Staatstheaters Cottbus vermag tatsächlich, all dies der Musik abzulauschen.

Im Rom des Jahres 1800 versteckt der Maler Mario Cavaradossi einen geflohenen Staatsgefangenen in der Seitenkapelle einer Kirche. Da platzt seine Geliebte herein, die Opernsängerin Floria Tosca. Während sich ein amouröser Dialog entspinnt, sind Cavaradossis Gedanken bei dem gefährdeten Cesare Angelotti. Puccini zeigt das, indem er mitten im Liebesduett dessen Motiv aufscheinen lässt. Und bei Martin Schüler dreht der Maler sich genau in diesem Moment prüfend Richtung Kapelle um. Später werden die Gläubigen beim „Te Deum“ jedes Mal erschrocken ihre Kreuze hochreißen, wenn im Hintergrund Salutschüsse den Sieg über Napoleon bei Marengo verkünden. Und wenn der Mesner die Madonnenstatue im Bühnenvordergrund abstaubt, übersetzt seine Hand haargenau den Verlauf der Töne in Bewegungen, vom oberflächlichen Feudeln der Gewandfalten bis zur komisch-kecken Putzbewegung im Brustbereich.

Leidenschaftliche Sänger im Wechselbad der Gefühle

Martin Schüler kommt aus der Schule des realistischen Musiktheaters. Und er hat sein Handwerk in über 100 Inszenierungen bis zu einem Grad verfeinert, der es ihm erlaubt, das Duett zwischen Tosca und Cavaradossi im ersten Akt absolut gefühlsgenau umzusetzen, dieses Hin und Her zwischen Begehren und Eifersucht, Verzückung, Verdacht und Versöhnung. Allein für diese Liebesszene lohnt die Reise in die Lausitz – denn Soojin Moon und Jens Klaus Wilde geben sich leidenschaftlich dem szenischen Paartanz hin, selbst noch im Finale auf der Engelsburg, wenn sie, in der falschen Hoffnung auf eine fingierte Erschießung Cavaradossis, ihre gemeinsame Zukunft verklären.

Soojin Moon, einzige Gastsängerin in einem eingespielten Ensemble, liefert sich rückhaltlos den Extrememotionen der Titelheldin aus, scheut auch nicht vor Schreien der Verzweiflung zurück, um dann in der „Vissi d’arte“-Arie inniglich ihre Mission als Schöpferin herzerhebender Schönheit zu beschwören.

Jens Klaus Wilde, am Haus fürs Heroische zuständig, kann da mithalten, liefert mit tenoralem Schmelz und pathetischen Schluchzern vollgültige Italianità. Sein Gegenspieler ist Andreas Jäpels ultrafieser Scarpia. Ein Polizeichef von gnadenloser Präzision, im Auf-den-Punkt-Spiel, aber auch stimmlich: Wie eine frisch geschliffene Klinge durchschneidet sein Bass die Luft im holzvertäfelten Palazzo Farnese (Bühne: Walter Schütze), wie ein geiles Tier beschnuppert er Tosca, bis sie zusticht. Erschüttertes Schweigen im Publikum nach dem Aktschluss.

Ein packender Thriller für die Ohren

Es geht wahrlich um Leben und Tod an diesem Abend. Hier ist Musiktheater zu erleben, das aufs Herz zielt und sich gerade darum auch im Hirn festsetzt. Möglich wird das natürlich nur, weil Generalmusikdirektor Evan Christ ästhetisch hier vollkommen auf einer Linie mit Martin Schüler liegt. Der Dirigent inszeniert die Partitur akustisch so, dass die einkomponierten Regieanweisungen auch tatsächlich hörbar werde.

Farbsatt und betörend musiziert das Philharmonische Orchester des Staatstheaters, effektsicher zelebriert Christ die lyrischen Momente, mit Spaß am Zuckerguss-Geklingel des Konditormeisters Puccini, schwelgerisch breit in den Tempi, doch ohne die Spannung zu verlieren. Wenn die Handlung ins Dramatische kippt, herrscht auch im Orchestergraben sofort Thriller-Atmosphäre, hochpulsig, scharf, packend. Adrenalin für die Ohren.

Lediglich den allerletzten Knalleffekt des Stücks verweigert Martin Schüler dem Publikum. Tosca erklimmt zwar die Brüstung der Engelsburg-Terrasse, als Scarpias Häscher nach ihr greifen – aber sie springt nicht, wie es das Libretto fordert. Stattdessen rauscht knatternd ein Wolken-Vorhang aus dem Schnürboden herab: Alles nur Theater, Leute! Wir leben weiter und ihr dürft applaudieren, wenn es euch gefallen hat!

Weitere Vorstellungen:18. und 26.6. sowie 3.7.

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