Kultur : Pumatypen

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

eine Frage des richtigen Aufzugs

Nils Landgren sah verändert aus, am Freitagabend im RBBSendesaal. Anzug, schwarze Brille, graue Haarwellen am Hinterkopf. Image ist nicht nur eine Frage des Benehmens. Es ist eine Frage des Respekts, den man seinem Publikum entgegenbringt. Dabei muss der Riss nicht unbedingt zwischen den Anzugträgern und den Pumatypen des Jazz verlaufen, aber wie die Dinge liegen, wird diese Unterscheidung immer wirksamer. Der Pianist Jason Moran sagt, dass er einem Pumatypen wie Esbjörn Svensson schon ansehen kann, wie er klingen wird – ohne dass der auch nur einen Ton gespielt hat. Rein vom Äußerlichen, von der Wahl der Klamotten her. Svensson trägt in der Regel T-Shirt, Jeans und Puma-Turnschuhe, während Moran im legeren Designer-Schick mit teuren Stoffen auf die Bühne kommt. Die Zeiten, als Jazzmusiker sich über ihr Outfit keine Gedanken machten, sind wieder vorbei. Svensson sagt, dass sich sein Trio ganz bewusst so stylt, damit es nicht wie alter Jazz aussieht. „Seven days of falling“ heißt die neue und beste CD des Pianisten, das dazugehörige Konzert seines Trios findet am 18. Oktober im Tränenpalast statt.

Styling hat auch für den Saxofonisten Pharoah Sanders eine gewisse Bedeutung. Lange war der weiße Bart eine Art spirituelles Markenzeichen des Tenoristen. Mal in Verbindung mit Anzug und afrikanischem Käppi, mal ganz in bunte Gewänder gehüllt, Pharoah und sein Bart sahen immer so aus, als wäre das Innenleben einer der schönsten Musiken der Welt vor einem ausgebreitet. Weißes Jackett, blaues Käppi, die Augen geschlossen – so schreitet Sanders gelegentlich auf der Bühne herum. Zugegeben, man weiß manchmal nicht so recht, ob er während des Konzerts ein Nickerchen einlegt, oder ob es schlicht Trance ist, wenn der Pianist William Henderson modale Sounds um eine kleine Melodie antippt, während Sanders untätig am Bühnenrand residiert, die Augen geschlossen. Sanders Bart allerdings ist inzwischen ab. Wer das Gefühl hat, dass Sanders über den einen großen Song seines Lebens immer wieder neu improvisiert, der sollte dem Meister am Samstag in den Tränenpalast folgen. Diesmal gibt es den besten Sanders, der heute möglich ist – mit John Betch, Schlagzeug, Matt Garrison, Bass und William Henderson, Piano (20 Uhr).

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