Kultur : Pump und Gloria

Mozart war nicht arm. Geld hatte er trotzdem nie. Eine Anzahlung auf das Mozart-Jubiläum 2006

Vob Clemens Prokop

Nicht jedes Geschenk bereitet Freude. Schon bei Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) kann man das nachlesen. Der beschwert sich gegenüber seinem Vater Leopold über den Mannheimer Kurfürsten: „Gestern habe ich mit Canabich zum Herrn Intendant Graf Savioli gehen müssen, um mein Präsent abzuholen. Es war so, wie ich es mir eingebildet habe. Nichts in Geld. Eine schöne Uhr ... Nun habe ich mit dero Erlaubnis fünf Uhren. Ich habe auch kräftig im Sinn, mir an jeder Hosen noch ein Uhrtäschl machen zu lassen, und wenn ich zu einem großen Herrn komme, beide Uhren zu tragen (wie es ohnehin jetzt Mode ist), damit nur keinem mehr einfällt, mir eine Uhr zu verehren.“

Nur Bares ist Wahres. Dabei war Kurfürst Carl Theodor nicht knausrig gewesen. Uhr samt Kette, rechnet der junge Mozart vor, seien 20 Carolin wert – die Hälfte davon in Bargeld wäre ihm lieber gewesen. Denn auf Reisen braucht man Geld, das wusste auch der Vater, der von Salzburg aus versuchte, seinem Sohn die größten Flausen auszureden.

Gekonnt imitiert Mozarts Brief aus Mannheim jenen Jammerton, den Leopold selbst oft genug in seinen säuerlichen Reiseberichten angeschlagen hatte. Und man fragt sich, woher in aller Welt die vielen goldenen Uhren stammen, mit denen die Mozarts im Lauf ihrer diversen Tourneen beehrt wurden. Die fürstlichen Schatzkammern jedenfalls müssen voll damit gewesen sein.

Schon 1766, da war Wolfgang Amadeus Mozart noch keine elf Jahre alt, schreibt der Salzburger Chronist P. Beda Hübner in seinem Diarium über die Jagdbeute der Mozarts, über goldene Taschenuhren, teure Ringe, edle Messer – um daraus zu schließen: „Diese nunmehro gemachte Reise solle ihnen gegen 20 000 Gulden gekostet haben: will es auch leicht glauben; aber was wird er wohl vor Geld gesamlet haben?“

Wolfgang Amadeus Mozart wurde 35 Jahre alt. Zehn Jahre davon, zwei Monate und acht Tage befand er sich auf Reisen, kreuz und quer durch Europa. Als Wunderkind wurde er von Hof zu Hof gereicht, und überall musste er die gleichen Prüfungen absolvieren: musste improvisieren, zu Melodien Begleitungen erfinden, vom Blatt spielen bei verdeckter Klaviatur. „Wir haben ihn anderhalb Stunden lang Stürme mit Musikern aushalten sehen, denen der Schweiß in großen Tropfen von der Stirne rann“, staunte Baron von Grimm, „und die alle Mühe hatten, sich aus der Sache zu ziehen mit einem Knaben, der selbst den Kampfplatz ohne Ermüdung verließ“.

Als Jugendlicher schließlich lernt Mozart in Italien eine ganze Menge, lernt wichtige Komponisten-Kollegen kennen und macht wertvolle Erfahrungen. Italien hatte der Vater gezielt als Bildungsreise geplant; in Paris sollte der Junge alleine zurechtkommen und sich um Anstellungsmöglichkeiten bemühen. Vergeblich. Wieder schreibt Baron von Grimm, und seine hellsichtige Feststellung ist berühmt geworden: „Ich wünschte ihm für sein Schicksal halb soviel Talent, aber doppelt soviel Gewandtheit, und ich wäre nicht besorgt um ihn.“ Vater Leopold las richtig – und war alarmiert.

Dass Reisen für einen Künstler zumindest im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken waren, wusste er selbst nur zu gut. Als noch die ganze Familie aufgebrochen war („wie Bettler“, ätzte Kaiserin Maria Theresia), um der Welt mit Wolfgang und Nannerl die „Wunder Gottes“ zu zeigen, war das nur mit geliehenem Geld möglich. Und Vater Leopold entsprechend angefressen, wenn die fürstliche Rendite mager ausfiel: wenn Prinzessin Anna Amalia sich mit Küsschen vor dem Bezahlen drückte. Oder sich kaiserliche Großzügigkeit in einer Medaille erschöpft, „die zwar schön ist“, wie Leopold Mozart seinem Freund und Financier Hagenauer berichtet, „aber so wenig beträgt, dass ich gar nicht einmal dessen Wert hersetzen mag. Sie (die Kaiserin) überlässt das Übrige dem Kaiser: und dieser schreibt es in das Buch der Vergessenheit ein und glaubt ganz gewiss, dass er uns mit seiner gnädigsten Unterredung bezahlt habe.“

Die Mozarts waren nicht arm, und auch Leopold war kein Puritaner: Seidenstrümpfe sollten es schon sein. Wolfgang lernte also früh, dass, wer in höfischen Kreisen verkehrt, sich auch einen entsprechenden Lebensstil leisten muss. Und er lernte, sein Licht niemals unter den Scheffel zu stellen: Sein kurzes Leben lang legte Mozart ungeheuer starkes Selbstbewusstsein an den Tag. Gerade im gnadenlosen Urteil über Kollegen respektierte er nicht immer die Grenze zur Arroganz.

Weil Mozart um sein Können wusste, wollte er sich nicht unter Wert verkaufen. Wer in Wien bei ihm Klavierunterricht bekommen wollte, musste stolze Honorare zahlen. Das Märchen vom besessenen Künstler, der sich um nichts anderes kümmert als um seine Musik, ist dennoch nicht tot zu kriegen. Dabei verdiente Mozart zeitweise gar nicht schlecht, und die Honorare für seine Opern waren ordentlich.

Sein Problem war das Dilemma der meisten Freischaffenden: Wirklich regelmäßige Einnahmen fehlten. Dazu kam, dass Mozart mit Geld offenbar so wenig haushalten konnte wie seine Frau Constanze. Der Versuch, sich mit einem Haushaltsbüchlein selbst zu disziplinieren, scheitert schnell: Wenn Mozart Geld hatte, gab er es aus. Wenn er keines hatte, lieh er es sich. Hemmungslos pumpte er Freunde und Gönner an, selbst vor Schülerinnen machte er nicht Halt.

Kein Zweifel: Mozart war eine Spielernatur. Auch das hat er vom Elternhaus mitbekommen. Er liebte die Karten, das Bölzlschießen, er spielte Billard – und wahrscheinlich auch Lotto. Dass er darüber hinaus ein Spieler war, der zwanghaft sein Geld verjubelte, kann man vermuten. Beweise dafür gibt es keine. Das Leben in der Kaiserstadt Wien war aber auch so teuer genug, um einen wider Willen freischaffenden Künstler in die Bredouille zu bringen.

In den Wiener Jahren entwickelt und perfektioniert Wolfgang Amadeus Mozart einen herzerweichenden Jammerstil. Von 1787 an belästigt er damit in bisweilen beängstigend knappen Zeitabständen seinen Freund und Logenbruder Johann Michael Puchberg. Der schickte immer wieder Geld, und das keineswegs so halbherzig, wie manche Mozart-Biografen unterstellen. Im Dezember 1789 schreibt Mozart: „Erschrecken Sie nicht über den Inhalt dieses Briefes; – nur bei Ihnen – mein Bester, da Sie mich und meine Umstände ganz kennen, habe ich das Herz mich ganz vertrauensvoll zu entdecken.“ Puchberg weist 300 Gulden an, das sind umgerechnet etwa 7200 Euro.

Mozarts Bettelbriefe lohnen die Lektüre, sie sind viel spannender als die überbewerteten „Bäsle-Briefe“ an die Cousine. Mit Charme verpackt er die Chuzpe. Und es gehört zur Taktik, dass diese Briefe immer atemlos klingen: Mozart formuliert das Stammeln mit. In seiner Musik trifft er mit unfehlbarer Wirkungssicherheit immer den richtigen Ton, und auch in seinen Briefen verfehlen seine Absichten nur selten das gewünschte Resultat. Allein der Vater kannte ihn gut genug, um sich nicht jedes X für ein U vormachen zu lassen.

Mozarts Lebensgeschichte ist eine Geschichte der enttäuschten Hoffnungen. Sieht man von seiner Ehe mit Constanze, die er von Herzen liebte, ab, hat Mozart keines seiner gesteckten Ziele erreicht. Weder erhielt er eine ernsthaft dotierte Stellung am Kaiserhof, noch konnten ihn die Prager, die ihn für seine Opern als Helden feierten, an sich binden. Weder gelang es ihm, aus seiner Reise zur Frankfurter Kaiserkrönung Kapital zu schlagen, noch realisierte sich ein Angebot, nach London zu gehen.

Es war wie früher mit den Taschenuhren: Mozart hatte ziemlichen Erfolg – auch in der Wahlheimat Wien, aber kaufen konnte er sich dafür nichts.

Uhren bekam er keine mehr; trotzdem quälten sie ihn weiter. Geldnot treibt ihn beispielsweise dazu, für ein kleines Uhrwerk zu komponieren: „ich schreibe alle Tage daran, muß aber immer aussetzen, weil es mich ennuirt.“ Wenigstens einen positiven Effekt hatte die „sehr verhasste Arbeit“ am „Adagio und Allegro für Orgelwerk“: Seitdem haben die in Mozarts Œuvre arg vernachlässigten Organisten auch ein Stück, mit dem sie brillieren können.

Der Autor ist Verfasser von „Mozart der Spieler. Die Geschichte eines schnellen Lebens“. Bärenreiter, 2005. 152 S., 12,95 €

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