Kultur : Pumpgun am Rollator

Vom Leben ganz unten: Das 26. Fantasy-Filmfest.

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Wenn Mike Leigh einen Serienmörderfilm drehen würde, sähe der aus wie Ben Wheatleys Film „Sightseers“. Das Milieu ist: untere Mittelschicht, eher Unterschicht. Die Hauptfiguren erwarten nicht viel vom Leben, doch um das wenige müssen sie hart kämpfen. Die 34-jährige Tina (Alice Lowe) darf keine Liebesbeziehung eingehen, weil ihre kränkelnde Mutter sie braucht. Von der bekommt sie keine Liebe. Der Tod des gemeinsamen Hundes hat ihr Verhältnis verschlechtert. „Es war ein Unfall.“ – „Das warst du auch.“ Als Tina endlich den Richtigen findet, den bärig-bärtigen Chris (Steve Oram), kann von wahrer Liebe keine Rede sein. Chris erweist sich als jähzorniger Psychopath, der mal eben den Rückwärtsgang einlegt, wenn eine ihm missliebige Person hinter dem Auto steht.

Was sagt Tina dazu? Wir haben alle unsere Macken. Während eines Campingurlaubs schlägt sie auch selbst schon mal zu. Immer geht es auf den Kopf. Regisseur Wheatley ergötzt sich regelrecht an auslaufender Gehirnmasse. Ob er damit etwas sagen will? Der Urlaub ist so schrecklich, da fallen die Morde nicht groß auf. Keine Szene spielt am offenen Meer, immer sieht man nur Wiesen, und zum Essen gibt es nur klebrige Nudeln.

„Sightseers“ ist der Eröffnungsfilm des 26. Fantasy-Filmfests, bei dem es in auffallend vielen Beiträgen um soziale Randgruppen geht. In Matthias Hoenes „Cockneys vs. Zombies“ überfallen zwei Brüder eine Bank, obwohl ihre Eltern ein abschreckendes Beispiel sind: Sie wurden bei einem Banküberfall von der Polizei erschossen. Aber was tut man nicht alles aus Verzweiflung? Zumal das Pflegeheim im Londoner East End, in dem der Großvater der Jungen lebt, zugunsten von Luxusbauten abgerissen werden soll. Der Banküberfall geht anders schief als erwartet: Zombies belagern die Stadt. Am tüchtigsten wehren sich die Senioren. Einer befestigt ein Maschinengewehr am Rollator. Und die inzwischen 84-jährige Honor Blackman schwingt den Hammer so souverän, wie sie einst als Judomeisterin Pussy Galore James Bond flachgelegt hat.

Einen originellen Schutz gegen außerirdische Monster finden irische Dorfbewohner in Jon Wrights „Grabbers“. Sie erkennen, dass die schwer erkennbaren Wesen mit ihren Krakenklauen keine Betrunkenen angreifen. Der Film wäre ein größeres Vergnügen, hätte das Special-Effects-Team nicht so tolle Arbeit geleistet. Die blutrünstigen Szenen sind zu realistisch, da vergeht einem wirklich das Lachen.

Nicholas McCarthy verzichtet von vornherein auf Humor: „The Pact“ ist der mutige Versuch einer übersinnlichen Sozialtragödie. Die Heldin Annie (Caity Lotz) stammt aus zerrütteten Verhältnissen, und das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat, würde sie am liebsten nie wieder sehen. Sie muss aber zurückkehren, weil ihrer Schwester etwas zugestoßen ist. Nur die Geister der Vergangenheit können den Fall lösen – und nur Annie hat Kontakt zu den Geistern.

Filme über Zwangsprostitution sind ein besonders zwiespältiges Genre. Sie geben sich einfühlsam, zeigen das Leiden der Frauen, stellen aber unentwegt deren körperlichen Reize aus. Deshalb wird Megan Griffiths mit „Eden“ das Publikum polarisieren. Sie betont die Abenteuerlust der behüteten, Spange tragenden Tochter koreanischer Immigranten in New Mexico nach ihrer Entführung. Das Mädchen wird zur Komplizin der Zuhälter. Hilft sogar, entlaufene Frauen einzufangen. Seit Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ hat kein Film so ausführlich die Bereitschaft der Opfer behandelt, den Tätern zu gefallen. Die von der hochbegabten Jamie Chung gespielte Heldin stumpft aber nicht ab. Sie wird fliehen - und sich rächen. Aber dazu muss sie erst einmal mitmachen. Meisterwerke mit Oscarchancen landen normalerweise nicht beim Fantasy-Filmfest – aber Benh Zeitlins „Beasts of the Southern Wild“ ist so ein Wunder; ein mit einfachen Mitteln gestaltetes Vater-Tochter-Drama voller magischer Momente, angesiedelt in den Sümpfen von Louisiana. Dieser Film, das ist sicher, wird auch regulär in die Kinos kommen. Frank Noack

In Berlin vom 21.-29. August in den Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz und Event- Cinema Berlin im Sony-Center

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