Kultur : „Punk funktioniert nur im Theater“

Die goldenen Zeiten sind vorbei: Schorsch Kamerun inszeniert im Prater den Untergang der Industriekultur – als Revue. Ein Gespräch über Retrowellen und Zitronen

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Herr Kamerun, darf Punk schön sein?

Unbedingt. Es geht um einen Moment, in dem alles, was uns umgibt, für Schrott erklärt wird und weg muss. Das erzeugt Bilder, die massiv zerrissen, kaputt, sogar freiwillig hässlich sein wollen – das rohe Anti. Trotzdem ist man von dieser Kraft als Schönheit total berührt. Auch PollockBilder sind ja schön, obwohl es Geschmiere ist. Man spürt, dass sie eine sehr einfache, eindeutige Idee verkörpern, die plötzlich nach vorne getreten ist. Oder denken Sie an den Minimal- Komponisten Terry Riley. Dessen Stück „In C“ ist eine Tortur, minutenlang wird auf demselben Ton herumgehackt. Doch diese Monotonie offenbart auch eine wahnsinnige innere Schönheit.

Haben Sie schon mal einen Punk-Song gehört und geweint?

Lustige Frage. Als junger Punk waren die Ramones meine Lieblingsband. Das erste Lied, das ich nachgesungen habe, stammt von ihnen: „Hanging out on the 2nd Avenue/ Eating Chicken Windeloo.“ Als Joey Ramone vor zwei Jahren todkrank in einem New Yorker Krankenhaus lag, war ich zufällig in der Stadt. Und aus einer sentimentalen Anwandlung heraus, ging ich zur 2nd Avenue, um mir ein Hähnchen zu bestellen. In derselben Nacht ist er gestorben. Ich habe geheult, als ich das hörte. Vielleicht lag es daran, dass Joey Ramone herzlicher war als die meisten Punks, die sich diesen Zug versagen. Dabei ist Punk eigentlich sehr sensibel.

Wären Sie 1977 gerne in London gewesen?

Da wollte jeder hin.

Wo waren Sie stattdessen?

In Schleswig-Holstein. Ich bin in Timmendorfer Strand aufgewachsen, einem beschaulichen Ort an der Ostsee. Der Zufall wollte es, dass es in Timmendorf irre früh die erste Punkband gab. Dabei bestand unsere Clique aus nicht mehr als 30 Leuten, die auf dem Marktplatz herumstanden. Man traf sich in Schweineställen, um Punkkonzerte zu hören. Aber sowas hat es dort öfter gegeben. In den Siebzigern zog der Ort die Hippies an. Helge Schneiders Clique pflegte sich dort zusammenzuraufen. Juliane Werding fuhr da hin, bevor sie bekannt wurde. Das hat man bereinigt. Ähnlich wie auf U-Bahnhöfen, wo Obdachlose dadurch vertrieben werden, dass man Bänke durch Schalensitzkonstruktionen ersetzt, auf denen man nicht schlafen kann, wurde uns unser Treffpunkt genommen, indem es bald nur noch bezahlbare Plätze gab – in Cafés. Ich habe noch ein Schild aufgehoben. Darauf stand: „Für Jugendliche und Hunde ist der Eintritt verboten.“

Wurden Sie aus Langeweile Punk?

Nein, wir setzten uns nicht aus Wohlstandskindern zusammen, die nur zusehen mussten, wie sie ihre Zeit verbringen. Punk hat mich politisiert, gegen die Autoritäten. Das war riskant. Und auf dem Dorf gab es Gangs und Moped-Rocker, die einem ziemlich viel Ärger machen konnten. Seit Jahrzehnten gibt es nichts mehr, das da heranreicht, keine Subkultur, die den Zorn der Jugend artikuliert. Stattdessen haben sich Äußerlichkeiten erhalten. Die Signale und Codes sind verbraucht und zu Marketingelementen geworden. „VIVA radikalisiert dein Leben“, lautet eine Anzeige. Selbst eine CDU-Politikerin zeigt sich mit rot-gefärbten Haaren. Eine Sekunde lang wird etwas Widerspenstiges ausprobiert, in der nächsten ist es verkauft.

Punk war die letzte Gelegenheit für Jugendliche, wenigstens zwei Jahre lang in Ruhe gelassen zu werden?

Bis die erste Punkband im Fernsehen auftauchte, verging eine Ewigkeit. Das war nicht kompatibel. Heute kann man in ein H&M-Geschäft gehen und als Punk wieder herauskommen. Was mich interessierte, war der Satz: Das kannst auch du. Das meinte aber nicht, dass ich auch einkaufen kann.

Was waren Ihre ersten drei Akkorde?

Ich spiele ja nicht mal ein Instrument. Ich bin Sänger.

Hat Johnny Rotten, der Sänger von den Sex Pistols, Ihnen Mut gemacht?

Rotten ist ein wunderbares Vorbild, weil er gezeigt hat, wie wichtig Haltung ist. Das ist auch der Grund, warum es Leute wie mich zum Theater zieht. Als Sänger, der seit über 20g Jahren auf Bühnen steht, habe ich viel über theatrale Momente gelernt. Die Goldenen Zitronen wollten ja immer auch Themen zur Sprache bringen, die nicht als Show-Effekt abgetan werden konnten. Wir haben das gelöst, indem wir unsere Instrumente tauschten, um zu neuen, weniger professionellen Ergebnissen zu gelangen. Oder indem wir bunte Klamotten trugen, die uns wie komplette Spaßidioten aussehen ließen. Die Zitronen sind aus der Hamburger Hafenstraßen-Szene hervorgegangen, wo der Kleidungs-Code sehr uniform war. Das Gegenteil von Punk: Schwarze Jacke, Sweatshirt, Jeans – alle trugen dasselbe. Darum haben wir uns Schlagerkostüme besorgt, überall waren Blümchen drauf. Also völlig uncool.

Sind Punker mehr Pop- als Lebenskünstler?

Ich lehne den Begriff „Pop“ ab. Denn er ist an den Begiff der Mode gekoppelt, also an etwas, das ständig Entwertungen vornimmt. Ein Turnschuh, der eben noch hip war, weil Uma Thurman ihn in „Kill Bill“ trägt, hat seinen Wert im nächsten Moment bereits verloren, weil zuviele Menschen ihn gekauft haben. Deshalb müssen Inhalte vom Zeitgeist getrennt werden. Es gibt Einsichten, die gelten ein Leben lang. Und sie werden auch nicht dadurch diskreditiert, dass sie von vielen Menschen geteilt werden.

Ist ein Theaterstück wie ein Song?

In meinen Inszenierungen können sich Dinge ändern. Ich spiele meist selbst mit und halte es einfach nicht aus, jeden Abend dasselbe Zeug zu quatschen.

In „The Golden Age of Punk and Working“ lassen Sie alte Punk-Hits von einem polnischen Straßenorchester nachspielen. Mit Waschbrett, Tuba und in Bergmannstracht. Nehmen Sie ihre eigene Musik nicht mehr ernst?

Mich interessiert, wie diese Traditionsmusiker, die sonst nur Polka und dergleichen spielen, mit minimalistischen Ein-Akkord-Stücken wie „Computerstart“ von Abwärts umgehen. Für einen 70-Jährigen ist es nicht einfach, sich in einer Musik ohne Song-Struktur zu bewegen und zu begreifen, dass Gleichförmigkeit auch Spannung erzeugt. Die Stücke selbst beleuchten die Phase vor der Neuen Deutschen Welle, als man sich mit der Industrie auseinandersetzte. Das war ihre Art „No Future“ zu sagen: ein Spottgesang auf den Kapitalismus.

Sie sind ein Kulturpessimist?

Nein überhaupt nicht. Ich habe mal ein Bild gemalt, darauf stand: Runter mit der Kunst. Heute interessiere ich mich für die Oper. Ich funktioniere nach dem System, indem ich herausfinde, was ich alles nicht kann – und es dann behaupte. Im Theater bin ich nicht durch das Expertenwissen von Leuten geschützt, die schon verstehen, was ich mache. Im Theater funktioniert Punk noch.

Das Gespräch führte Kai Müller.

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