Kultur : Punk-Minimalisten: Das lange Stück zum kurzen Anfang

Eric Mandel

Manchmal braucht es einfach den richtigen Nachbarn, um die Dinge ins Laufen zu bringen: In einem Hinterhaus in der Skalitzer Straße saß vor einigen Jahren in einem kleinen Büro die kleine Schallplattenfirma City Slang und versuchte, sich mit Lizensierungen aufregender Gitarrenmusik aus den USA einen Namen zu machen. Im Flur traf der City Slang-Chef Christoph Ellinghaus immer wieder den im Vorderhaus wohnenden Robert Lippok. Der erzählte manchmal von seiner Band, die auf der Basis von Bass und Schlagzeug elektronisch pluckernde, vage in Popsounds verankerte Musikstücke herstellte. Eines ergab das andere, das Label und die Band mit dem exotischen Namen To Rococo Rot kamen ins Geschäft.

Heute lenkt das City-Slang-Büro die Geschicke von Labels Germany, einem von Virgin erdachten Zweckbündnis, das erfolgversprechenden Independent-Labels, effektive Vertriebs- und Promotionstrukturen bietet. Das Klingelschild auf den ganzseitigen Anzeigen, mit denen Labels in den wichtigen Musikblättern wirbt, zeigt, wer da alles unter einem Dach wohnt: Wall of Sound, Bungalow, Grand Royal, natürlich City Slang, ... und dazwischen prangt immer noch der Name Lippok.

In einem Konferenzraum des besagten Hinterhauses sitzen an einem schönen Frühlingstag To Rococo Rot bei Gebäck und Weingummi und spulen ihre Geschichte bereitwillig bis in die Anfangstage ihres Bestehens zurück: Schon 1982 gründeten die Brüder Robert und Roland Lippok als Ost-Berliner Punks die Band Ornament und Verbrechen: ein ungewöhnliches, personell und stilistisch offenes Projekt, in dem auch schon Bandschlaufen und Sequenzer eine wesentliche Rolle spielten. So erschien ihnen die Ende der Achtziger einsetzende digitale Elektro-Revolution durch Acid House und Techno wie ein alter Bekannter, der sich in ein Vokabular aus Punk, experimentellem Rock oder Musique-Concrète geschmeidig einfügen ließ. Wie Mouse On Mars, Oval oder die Düsseldorfer Kreidler den Eindruck von Hip-Hop, Techno und Drum & Bass mit ihren musikalischen Hintergründen von Punk bis Jazz kurzschlossen, wollten auch die Gebrüder Lippok das Klischee von elektronischer Unterhaltungsmusik als einem funktionalen, vorhersehbaren Automatismus entkräften, der lediglich euphorische Partystimmungen durchdekliniert. Im Kreidler-Bassisten Stefan Schneider fanden die Berliner einen Geistesverwandten, und über den Umweg eines Kunstprojektes entstand fast beiläufig To Rococo Rot. Ihr Debüt war die erste LP-Veröffentlichung des damals noch jungen und unerfahrenen Unternehmens Kitty-Yo.

Doch bei dem mit Surrogat und Peaches bekannt gewordenen Erfolgslabel blieb das Trio nicht lange. Während Kitty-yo mit professionellem Ehrgeiz aus kruden Underground-Phänomenen Berliner Popstars machen, wechselten sie zu City Slang, weil die Berufung zur Rampensau bei To Rococo Rot eigentlich niemanden umtreibt.

Für den Preis eines Abendessens

Die Musiker wirken immer etwas zu ernst und versonnen als dass sie von allen gemocht und umworben werden könnten. Trotzdem werden die feingeistigen Soundtüftler international sehr geschätzt und zu ordentlichen Konditionen gebucht, wie sie gestehen. Auch ihre Musik meidet alle Arten plakativer Effekte, so dass sie in eigentümlicher Selbstgenügsamkeit vor sich hinwächst, ihre motivisch-thematische Arbeit eine eigene Totalität entfaltet, um es mit den Worten des unversöhnlichen Adorno zu sagen. Wer weiß, vielleicht hätte ihn To Rococo Rot versöhnlicher gestimmt. "Ich finde es oft schade," erklärt Roland Lippok ihre Gewohnheit, musikalisch immer bei geschlossenem Deckel zu kochen, "dass man bei einigen Musikstücken am Anfang denkt: Gutes Stück! Aber dann setzt so ein fetter Beat ein und alles ist kaputt. Oft steckt in den Anfängen der Stücke der größte Reiz, weil es da noch ein Potenzial zur Entwicklung gibt." Und Robert ergänzt: "Deswegen klingen unsere Stücke wie lange Anfänge".

Für diese Ästhetik wurde in einer über Jahre gewachsenen Arbeitsbeziehung ein vierter Mann gewonnen: Auf einer Amerika-Tournee vor gut drei Jahren traf die Band auf den New Yorker DJ Craig Willingham alias I-Sound, der für ihr mittlerweile viertes Album "Music is a Hungry Ghost" (City Slang) zum vierten Bandmitglied wurde. Seine klanglichen und rhythmischen Ideen verfeinerten und abstrahierten den Gruppensound noch einmal erheblich. Für melancholische Bodenhaftung sorgt auf zwei Stücken Alexander Balanescu. Der berühmte Violinist spielte seine Parts zum Preis von zwei guten Abendessen direkt ins Powerbook ein, auf dem das Album in einer leeren Berliner Wohnung abgemischt wurde. Manchmal muss man die Nachbarschaft verlassen, um Dinge am Laufen zu halten.

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