Kultur : Punk & Komma Tocotronic in der Berliner Arena

Sassan Niasseri

Einen solchen Auftritt hat die Band sich bis jetzt nicht geleistet: Kunstnebel, Lichtschwaden und bedrohlich flirrende Lygeti-Chöre füllen den Konzertsaal, man fühlt sich hineinversetzt in die rauschhafte Zeitreise aus Kubricks Weltraum-Odyssee „2001“. Erst nach Minuten kommen Tocotronic auf die Bühne der Arena – und leiten zum hypnotischen „Führe mich sanft“ über. Eine Reise ins dunkle Ungewisse: „Gib mir einen Trunk-Trank/etwas das Eifer schafft/eine geheime Wissenschaft.“ Kaum ist der Schlussakkord verklungen, lichtet sich der Dunst: Zum Vorschein kommen die schick-schiefen Fransenhaarschnitte des Hamburger Trios um Sänger Dirk von Lowtzow. Die engen Second-Hand-Leibchen. Die schluffige Körperhaltung, das süffisante Lächeln. Lowtzow wird in den nächsten zwei Stunden alles tun, um nicht zu ernst genommen zu werden.

Offenbar ertragen Tocotronic ihre Stücke auf einer Bühne nur mit Ironie und markigen Befindlichkeitskommentaren: „Dies ist ein Song, der sich gegen das Konzept der Freizeit richtet.“ Der atemlose Gesang von Lowtzows, das oft überhastete Schlagzeugspiel Arne Zanks und ein stoischer Jan Müller am Bass lassen Tocotronic auch heute noch so ungestüm klingen, als sei die Band über den Probenraum nie hinausgekommen. Die 30Jährigen gönnen sich den Luxus einer jugendlichen Verweigerungshaltung – ihre größten Hits, wie den Anti-Studenten-Song „Freiburg", präsentieren sie in immer dichter werden Vollnebelbänken. Dass sich Tocotronic im Laufe ihrer bald zehnjährigen Bandgeschichte vom gehätschelten Modepunk-Trio zu Zitatpop-Musikern entwickelt haben, offenbart sich vor allem im Studio. Live ist es die Aufgabe ihres Tour-Keyboarders und Leadgitarristen Rick McPhail, der kompakten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Einheit melodische Erweiterungen zu verschaffen. Zu voller Blüte aber gelangt die Band erst beim Song „Let There Be Rock“, zu dem Tocotronic grelle Lichtblitze aufleuchten lässt.

Zuletzt, bei „Neues vom Trickser“, brüllt von Lowtzow: „Eines ist doch sicher/Eins zu Eins ist jetzt vorbei“. Der Abend endet mit einer infernalischen Lärmorgie. Nach einer ausladenden Bewegung fliegt der Bass Jan Müllers in Richtung Verstärker-Box.

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