Punkrock in Myanmar : Die Nacht der lauten Träume

Besuch von Campino: Wie eine Punkrockband aus Myanmar die langsame Öffnung ihres Landes erlebt.

Philipp Grefer
Gitarrenpower. Die Toten Hosen beim Auftritt mit der Band Side Effect.
Gitarrenpower. Die Toten Hosen beim Auftritt mit der Band Side Effect.Foto: IMA/Emmanuel Maillard

Es ist schwül, verdammt schwül auf der Myaw Sin-Insel, eine Art Naherholungsgebiet für die gerade entstehende Mittelklasse von Yangon. Sie liegt etwa zwanzig Minuten nördlich der morbid pittoresken Altstadt. Die Krähen schreien, doch man hört sie kaum: Die Band Side Effect übertönt sie. 4000 Leute im Publikum singen mit ihr Woohoowohoowohohoo. Der letzte Akkord verstummt, frenetischer Applaus. Von hinten ruft Campino: „Give me one more“. Die Toten Hosen sind auch hier in Myanmar, wie das alte Burma seit der Umbenennung durch die Militärs im Jahr 1988 heißt. Eine Band aus Düsseldorf in Yangon (einst Rangun)? Warum das?

„Es gibt da eine DVD, die wir in Deutschland gesehen haben. Diese DVD heißt ,Yangon Calling’“, ruft Campino in die jubelnde Menge. Wenig später stehen die lokalen Bands Kaiza Tin Moong, No U Turn, deren Proberaum die Hosen tags zuvor noch besucht hatten, und Side Effect neben ihm auf der Bühne. Aus voller Brust singen sie gemeinsam „Yangon Calling“ zu den Akkorden der Punkhymne „London Calling“ von The Clash.

Den Film, den die Toten Hosen gesehen haben, hat ein deutsches Team vor drei Jahren in Yangon gedreht, er zeigt die kleine dortige Punkszene und erzählt die Geschichte der Bands Culture Shock und Side Effect. Viele junge Männer mit imposanten Stachelfrisuren, nietenbesetzten Lederjacken und großflächigen Tattoos sind darin zu sehen.

Auch Darko C., Sänger und Gitarrist von Side Effect, hat tätowierte Oberarme. Allerdings trägt er eine normale Kurzhaarfrisur und hat sich für den Auftritt mit den Toten Hosen ein schlichtes weißes Hemd übergezogen. Für den 33-Jährigen geht es bei Punk vor allem um Haltung: „Punk ist mehr als einfach nur bestimmte Klamotten zu tragen. Punk bedeutet, seine Meinung zu sagen und zu machen was du machen willst“, sagt er im Gespräch. Darkos Bruder, ein Gründungsmitglied von Side Effect, ist ausgestiegen: „Mein Vater hat Druck auf ihn ausgeübt, damit er Seefahrer wird.“

Side Effect haben die meisten ihrer Alben in Deutschland und den USA verkauft

Die vierköpfige Gruppe Side Effect gibt es seit zehn Jahren. Leben kann Darko, der Englische Literatur studiert hat, allerdings nicht von der Band. Deshalb betreibt er zusammen mit seiner Frau eine Schneiderei. Rund 500 US-Dollar verdienen sie damit im Monat. Manchmal inspiriert Darkos Brotjob auch seine Musik: „Wir haben gerade ein Lied geschrieben, das ,New Outfit’ heißt, und von der Regierung handelt, die einfach ihre Militäruniform abgelegt hat und nun in Zivilkleidung rumläuft,“ sagt Darko. „Das bedeutet aber nicht, dass wir die Veränderung unbedingt spüren. Der Song ist noch nicht veröffentlicht und natürlich etwas gewagt“.

Ohnehin: die Zensur. Am besten sei sie mit einer Flasche Johnny Walker Blue, dem Lieblingsschnaps der meisten Militärs, zu umgehen. Aber auch wenn man das geschafft hat, verkauft sich eine CD wie Side Effects Debüt „Rainy Night Dreams“ in Myanmar nicht sonderlich gut. „Ich will mich nicht beschweren, aber die Leute hier laden sich die Musik natürlich umsonst im Netz runter oder tauschen sie per USB-Sticks oder Bluetooth. Die meisten Verkäufe hatten wir bisher in Deutschland und den USA“, sagt Darko.

Side Effect sind die im Westen wohl bekannteste Punkrock-Band aus Myanmar. Eines ihrer ersten Konzerte außerhalb Asiens gaben sie vor zwei Jahren im mittlerweile abgebrannten Festsaal Kreuzberg, in diesem Frühjahr spielten sie als erste Gruppe aus ihrem Land beim South by Southwest-Festival in Austin, Texas.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben