Kultur : Puppenheim, Glück allein

Zwischen Restauration, Resignation und Klassiker-Renaissance: Bilanz des 40. Berliner Theatertreffens

Rüdiger Schaper

Den Idealtypus des heutigen Schauspielers hat man sich so vorzustellen: eine Hand in der Tasche, den Oberkörper zur Seite geneigt, als wolle er oder sie einen Angriff abwehren, die Mundwinkel leicht genervt verzogen – und dann wird abgewartet, was da kommt. Ob da überhaupt was kommt: ein Wienerisches Liebesdrama, ein Shakespeare’scher Machtkampf, ein amerikanischer Bürgerkrieg oder die Erinnerung an eine Jugend in der DDR.

Während des 40. Berliner Theatertreffens, das heute zu Ende geht, ist man diesen Typen ständig begegnet. Mal geben sie sich obercool, wie in Michael Thalheimers Hamburger „Liebelei“ nach Arthur Schnitzler, mal proben sie – auf der anderen Seite dieses nicht sehr breiten Spektrums – hektisch-hysterisch den gelangweilten Aufstand, wie in Frank Castorfs Zürcher O’Neill-Homestory „Trauer muss Elektra tragen“. Man steht bis zur Oberkante Unterlippe in einem Mainstream von Gratis-Mut, dessen Produzenten und Protagonisten offenbar sich selbst misstrauen. Und, reichlich paradox, in lethargischer Betriebsamkeit verharren. Das Wort Krise, auch in fetteren Zeiten stets ein ständiger Begleiter beim Theatertreffen, hat aber derzeit keine Konjunktur. Ist die Lage so ernst, dass man lieber nicht darüber redet?

Man fühlte sich in den zurückliegenden zwei Wochen, wie in der gesamten Spielzeit schon, an den „Brief des Lord Chandos“ erinnert, den Hugo von Hofmannsthal vor hundert Jahren publizierte: „Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mit völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen (...). Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte Geist, Seele oder Körper nur auszusprechen (...).“ Hofmannsthals Schilderung einer (fiktiven) Schreibkrise, eines writer’s block, gipfelt in der berühmten Wendung, dass ihm die großen Worte im Munde zerfielen wie „modrige Pilze“.

So leidet das Theater seit längerem auch an den großen, hohen Worten der Klassiker, und diese Mundfäule geht – vielleicht – nur langsam zurück. Beim Castorf’schen „Idiot“ nach Dostojewski (der aus technischen Gründen nicht eingeladen werden konnte) reden sie schon wieder offen über Gott und Religion und all die „höheren Themen“, fast so, als wär’s Pornographie. „I want to believe“ sagt die Leuchtschrift in Castorfs Berliner Theatertreffen-Beitrag „Meister und Margarita“ – ich will glauben. Es ist auch schon wieder eine Weile her, dass man Castorf und andere mit dem blöden Titel „Stückezertrümmerer“ beklebt hat. Damit ist an den meisten Orten Schluss, das hat der Jubiläumsjahrgang des Theatertreffens auch gezeigt. Möglicherweise nähern wir uns einer Phase der Restauration, der Sichtung, Überprüfung. Acht (!) von zehn ausgewählten „bemerkenswerten“ Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum basierten auf Werken des traditionellen Kanons; allein Christoph Marthalers „Groundings“ und „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ von Fritz Kater alias Armin Petras sind Erfindungen des 21. Jahrhunderts.

Wahrlich, kein berauschender Jahrgang. Die Jury-Entscheide wirkten teilweise bizarr und unverständlich. Musste es denn wirklich drei Mal Zürich sein und drei Mal Thalia Theater Hamburg? Die Wahl der entsetzlichen „Orestie“ des Regisseurs Andreas Kriegenburg grenzte an einen Skandal. Miesester Aktionismus von gestern, dümmlichstes Anti-Bush-Kabarett. Eine „aktuelle“ Produktion, die sich beim Gastspiel in der Arena Treptow außerhalb der Konkurrenz stellte. Braucht man sieben Juroren und einen derart aufwändigen, anstrengenden Auswahlmodus, um am Ende so etwas einzuladen?

Dieses Theatertreffen sah überraschenderweise einen klaren Sieger und einen ebenso klaren traurigen Verlierer. Es sind jene zwei Inszenierungen, die in ihrem Grundgestus am nächsten beieinander liegen: die „Emilia Galotti“ aus Wien und die „Nora“ aus Hamburg. Bei beiden handelt es sich um behutsame, integrative Klassiker-Modernisierungen. Aber: All die modischen Accessoires und Haltungen, die bei Andrea Breths „Emilia“ so aufgesetzt wirkten, brachten Stephan Kimmigs Ibsen den Erfolg. Was umso mehr überrascht, als Kimmig am Deutschen Theater Berlin zuletzt mit Goethe und Schnitzler scheiterte und beim Theatertreffen 2002 mit seinem Stuttgarter „Thyestes“ nervte – da hatte er das antike Stück bloß billig aufgemotzt mit Videotechnik und Laptop.

Und plötzlich diese „Nora“. Es gab beim 40. Theatertreffen noch ein zweites „Puppenheim“, Thomas Ostermeiers „Nora“ mit der überwältigenden Anne Tismer. Auch diese Schaubühnen-Produktion funktioniert trotz oder wegen ihrer brutalen Modernismen (und Anachronismen) erstaunlich gut. „Nora“, das Stück der Stunde, postfeministische Abrechnung? Und: Starke Frauen fast überall: Silvana Krappatsch und Bibiana Beglau bei Castorf, Fritzi Haberlandt und Maren Eggert vom Thalia Theater, und noch in der unsäglichen „Orestie“ stachen Nina Kunzendorf und Ulrike Krumbiegel heraus.

Thalias „Nora“ ist vor allem deshalb so erstaunlich stark, weil man es mit einem durchweg glänzend besetzten Ensemble zu tun hat (was auch für Petras’ „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ gilt), und zwar vor allem einmal auch auf der Männerseite: Christoph Bantzer als Dr. Rank, Norman Hacker als Torvald. Und neben der eher stillen und sehr jungen Nora der Susanne Wolff erlebt man Victoria Trauttmannsdorff in einer „Nebenrolle“, die mitten im Zentrum dieses intensiven Kammerspiels steht. Anders als bei Stefan Puchers mauligem „Richard III“ funktioniert bei Kimmig das Spielen mit Mikroports; hier hat die Technik Sinn, schafft Intimität, Spannung. Diese „Nora“ rückt, was auch nahe liegt, Ibsen in die Nähe von Hitchcock, selbst ohne Gattenmord, den Ostermeier seine militante Nora begehen lässt.

Ein bestimmendes Thema der letzten Jahre war das (Underdog-)Verhältnis der Bühne zum Kino. Dass unsere Kultur und Zivilisation bald vollständig durch den Film geprägt sein würden und nicht mehr durch Literatur und Theater, das hat der britische Kritiker Kenneth Tynan bereits 1975 in seinen (posthum veröffentlichten) Tagebüchern prophezeit. Das Kino dominiert das „kulturelle Unterbewusstsein“ da wir die kinematographischen Werte in den entscheidenden Jahren des Heranwachsens aufnehmen. Das Kino formatiert Verhaltensmuster.

Eine Weile haben Theaterleute zwischen Dreißig und Fünfzig heftig auf die übermächtige Konkurrenz reagiert, indem sie mit Kino-Technik und -Ästhetik auf der Bühne spielten – und vergaßen, dass Kino von der Story und den Emotionen lebt, von Stars. Kimmigs „Nora“- Inszenierung hat das verstanden. Auch Andrea Breths „Emilia Galotti“ geht in diese Richtung, aber eben halbherzig.

Die Enttäuschung über die Wiener hatte freilich noch eine andere, für das Theatertreffen grundsätzlich entscheidende Ursache, Jury hin oder her: Andrea Breths Arbeit überstand die Reise nach Berlin schlecht. Das Haus hat akustische Tücken und Löcher. Man weiß es seit Klaus Michael Grübers legendären Inszenierungen des „Faust“ und von „Sechs Personen suchen einen Autor“ vor über zwanzig Jahren an der Freien Volksbühne. Die Raummaße verschlingen Produktionen des Wiener Akademietheaters oder des Zürcher Pfauen. Jury-Mitglieder beklagen dieses Dilemma. Festspiele-Intendant Joachim Sartorius muss und will sein Haus bespielen, so oft, so viel wie möglich. Sonst lebt es nicht und bleibt ein toter Kasten.

Es geht nicht nur um das Theatertreffen allein. Bis zu den Festwochen im Herbst klafft eine kaum überbrückbare Kluft – zumal bei der derzeitigen finanziellen Ausstattung der Festspiele. Ungünstig erscheint auch die Aufgabenverteilung im Bereich Theater. Iris Laufenberg, die neue Leiterin des Theatertreffens, hat erste kleinere Reformen eingeleitet, vor allem beim Rahmenprogramm. Doch die Zuständigkeit für das Theater der Festwochen liegt bei Markus Luchsinger, der sich fürs Theatertreffen wenig interessiert. Das Theatertreffen aber bleibt das Pfund der Festspiele: Sämtliche Vorstellungen waren ausverkauft, 24000 Besucher sahen die Aufführungen. Mit diesem Pfund wird man wuchern müssen. Mit dem alten Paradox: Berlin im Mai muss glänzen, egal, was die einzuladenden Bühnen zu bieten haben oder nicht.

Und in Wahrheit wurde nicht das Spiegelzelt vermisst, sondern die großen, spektakulären Aufführungen, die man einst im Spiegelzelt begießen durfte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben