Kultur : Puppenspiel: Königin Margareta, die alte Stute

Janine Ludwig

Andächtige Stille erfüllt die Kapelle. Pfeifend durchschneidet das Fallbeil die Luft und kracht mit Getöse auf den Bock. So beginnt Richard der Dritte seine Mordserie im englischen Königshaus und kündigt jede neue Schandtat durch Hochziehen und Arretieren der Guillotine an. Dominant ruht die Maschinerie in einem Bühnen-Koloss aus zwei Tonnen Stahl, in dem Richard seine Kreise zieht wie der sprichwörtliche Tiger im Käfig. Nur der Prinz, gespielt von Philipp Otto, steht leibhaftig auf der Bühne. Seine Gegner sind allesamt Puppen: Köpfe und Masken, von Dietmar Blume zum Leben erweckt. Der Puppenspieler steuert Shakespeares Personal aus dem Handgelenk: den naiven Edward, den frommen Herzog von Clarence, eine stutenhafte Königin Margareta und Lady Anne als ätherische Witwe.

So entwickelt sich ein heimlicher Kampf zwischen Schau- und Puppenspieler. Blume, ganz in schwarz gekleidet, verschwindet zwar hinter seinen Figuren, doch sein Gesicht spiegelt deren Gefühle wider. Ungern nur gibt er die Puppen aus der Hand - geradewegs in die Pranke des ungeschlachten Richard, der ihre Köpfe an den Bühnenwänden aufhängt, bis er in diesem pathologi schen Panoptikum als König Englands dasteht. Selten sieht man Shakespeares Richard III. so schaurig-schön, so kraftvoll und doch poetisch, witzig und vor allem: in neuen Bildern. Dies liegt vor allem an den Puppen, die noch die unmöglichsten Position einnehmen können. Neben diesen Chargen tritt umso deutlicher die ausdifferenzierte Psychologie Richards hervor, der zwischen Selbsthass und Hybris, zwischen Jämmerlichkeit und Brillanz, Liebesbedürfnis und Gefühlskälte schwankt. Kein Problem für Philipp Otto, den das Fachorgan "Theater heute" 1999 zum Jungschauspieler des Jahres wählte. Heute gehört er zum Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels, wo Hasko Weber das Stück inszenierte.

Sehenswert ist dieser "Richard III." aber noch aus einem anderen Grund: In Berlin heuchelt, wütet, mordet er in einer Friedhofskapelle. Vor einem Jahr zog das OstEnd Theater in den Sakralbau ein, der zur Georgen-Parochial-Gemeinde gehört. Der kleine Raum erzeugt eine intensive Spannung, ruft die kultisch-zeremoniellen Ursprünge des Theaters in Erinnerung. Sehr eindrücklich geschieht dies bei Becketts "Endspiel", das nur mit Kerzen erleuchtet wird. Man hat tatsächlich den Eindruck, Hamm beim Sterben zuzusehen, Becketts gottlose Endzeit-Welt erscheint bedrückender denn je.

Blasphemie an einem Ort, an dem noch immer gelegentlich Totenmessen gefeiert werden? Keineswegs, sagen Kirchenvertreter, die sich Stücke anschauten und sie pietätisch korrekt fanden. Außerdem könnte finanzielle Kulturförderung helfen, die überfällige Sanierung des Gebäudes zu ermöglichen. "Theater der skurrilen Gestalten und Bilder" nennt Dietmar Blume, Kopf der OstEnd-Truppe, das Projekt. Mit der Bildermacht der Masken und Animationen lassen sich gerade Wortungetüme wie von Arno Schmidt oder Shakespeare knacken. Die nächste Premiere wird der "Sommernachtstraum" sein. Ein "Woodstock-Ereignis" soll das werden, mit einer Schauspielerin und vielen Puppen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben