Kultur : Pures Dynamit

Ein russischer Abend mit Rattle in der Philharmonie

Frederik Hanssen

Was waren das für herrliche Zeiten: Die Welt wartete darauf, erobert zu werden, und vor allem: Es gab klare Feinde. Die Bourgeoisie nämlich, die Konservativen, die genau wussten, wie Musik zu klingen habe. Denen machten Dmitri Schostakowitsch, Sergej Prokofjew und Igor Strawinsky aber einen Strich durch die Rechnung! Frech und frei waren ihre Kompositionen, über die Regeln, die man ihnen am Konservatorium beigebracht hatte, machten sie sich lustig. Drei Jugendwerke aus den Zwanzigerjahren, drei expressionistische Experimente der jungen russischen Wilden, das ist der rechte Stoff für einen wie Simon Rattle. Nach der faszinierend intimen Zwiesprache mit Franz Schubert in der vergangenen Woche zeigte sich der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker jetzt wieder als echter Powerplayer.

Und als Weltumarmer: Zuerst nämlich holte er die Stipendiaten der Orchesterakademie auf die Bühne, um sich lustvoll auf Strawinskys lärmig-groteske Parabel „Renard“ zu stürzen. Dann erst folgten die „echten“ Philharmoniker, und mit ihnen Sarah Chang, von einer duftigen Geigengirlie-Robe umflossen und geradezu grimmig entschlossen, ihr Instrument in Prokofjews D-Dur-Violinkonzert keine Sekunde zu schonen: Was für ein Funkenflug der hochvirtuosen, spitzzackigen Linien! Und was für ein Effekt, wie sie sich plötzlich in überirdisches Leuchten auflösen! In Schostakowitschs 1. Sinfonie ist es genau umgekehrt: Aufkeimende Süße wird sofort von dreinfahrenden Fanfaren und Trommelwirbeln dementiert. Hier, macht Rattle mitreißend klar, hantiert ein 19-Jähriger mit purem Dynamit.

Einen schönen Publikumserfolg errang schließlich Johannes Maria Staud mit der Uraufführung seines „Apeiron“, einem Zwanzigminüter für 101 Musiker, bei dem es unablässig knackt und raschelt, donnergrollt und angstvoll tremoliert, kurz, in dem alle Tricks vorkommen, mit denen Filmmusikkomponisten seit Jahrzehnten akustisch für Spannung sorgen – nur dass man hier vergeblich auf das main theme wartet.

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