Kultur : Purrpurr und Mockmock

Der rote Planet hat Konjunktur: Georg Kleins Rätselroman „Die Zukunft des Mars“.

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Erdling. Georg Klein, 60, in seinem Garten im niedersächsischen Heinitzpolder. Foto: dpa/p-a
Erdling. Georg Klein, 60, in seinem Garten im niedersächsischen Heinitzpolder. Foto: dpa/p-aFoto: picture alliance / dpa

Das „Große Palaver“, eine comicartige Bildererzählung der Marskolonisation, berichtet in groben Zügen, wie alles gekommen ist: Auf die Zeit der „Ursprünglichen Besiedlung“ folgte die des „Gerechten Untergangs“. Heute, also nach dem Untergang, leben die Kolonisten in einer Welt aus Warmstein, Blaustein, Steinschmelz und dem rätselhaft wandelbaren Mockmock. Ihre Berufe heißen Nothelfer, Steinbrecher, Allesmacher oder Mockmock-Beobachter. Ihre Orte sind Sonnenhaus und Kugelturm, in ihr oberstes Gremium, den Panik-Rat, wird berufen, wer eine ausreichende Anzahl grauer Haare besitzt. Sie ist recht schlicht, diese Welt. Zumindest war der Mars schon einmal weiter als in Georg Kleins neuem Roman „Die Zukunft des Mars“. Genau genommen war er einmal die Zukunft der Erde.

Als älterer Himmelskörper galt er der Erde als immer schon voraus, ein Blick auf den Mars war ein Blick in die eigene Zukunft. Und als Giovanni Virginio Schiaparelli 1877 vermeintliche Kanäle – also Kulturleistungen – entdeckte, setzte um die vorletzte Jahrhundertwende eine Flut von Marsromanen ein, darunter H. G. Wells „Krieg der Welten“ und Kurd Laßwitz’ „Auf zwei Planeten“. Von der Grundannahme, dass Marsbewohner den Menschen überlegen sind und sie zu Objekten ihrer Kolonisationsprojekte machen, wichen erst spätere biopolitische Phantasmagorien von NS-Schriftstellern wie Stanislaus Bialkowski ab. Am Mars jedenfalls hat sich ein Großteil der modernen Science Fiction formiert oder abgearbeitet.

Georg Klein allerdings hat gar keinen SF-Roman geschrieben – auch wenn er wieder einmal eine Genreerwartung gegen den Strich bürstet. Seine Geschichte spielt im 21. Jahrhundert, also etwa jetzt. Sie spielt zum einen auf dem Mars und zum anderen in einem modifizierten irdischen Raumgefüge, in dem Sibirien eine chinesische Provinz ist und die hochmütigen Amerikaner vom „Ewigen Winter“ geholt wurden, wenngleich der Kontinent schon wieder eine seiner Wiedergeburten erlebt. Dazwischen liegt das Freigebiet Germania inklusive der nach dem Zeitalter des „Dialogischen Terrorismus“ und der „Guten Alten Zeit“ dreigeteilten Stadt Germania. Im Machtbereich des Diktators Don Dorokin betreibt der undurchsichtige alte Spirthoffer ein „Elektronisches Hospital“, in dem er Rudimente einstiger Hochtechnologie versammelt und im privaten Unterricht mit der aus Novonovograd zugezogenen Elussa angeblich sein Russisch aufmöbelt. Beide Welten sind durchaus plausibel über die amerikanisch-sowjetische Raumfahrtkonkurrenz des verflossenen Jahrhunderts verknüpft. Aber das ist nicht entscheidend.

Georg Klein hat wiederholt zu verstehen gegeben, dass ihm Vergangenes suspekt ist und er es für überschätzt hält. Die Zukunft, zumindest jene, die Science Fiction für gewöhnlich entwirft, interessiert ihn ebenso wenig. Aus jeder von Kleins Zeilen spricht tiefes Misstrauen gegen einen Fortschritt, der auf dem Zeitstrahl frohgemut in die Zukunft reitet. So wie die Welten des Mars und der Erde Post-Szenarien sind, schillert die Zukunft bei Klein immer ein wenig im Futur II: Sie wird gewesen sein. Und sie wird nicht so strahlend und eindeutig gewesen sein, wie gegenwärtige Bildproduktion uns weismachen will. Das Neue sieht bei Klein nicht neu aus, es ist eine Mixtur, eine Kooperation der marsianischen Berufsgruppen der Altfinder und Neubastler. Klein scheint es weniger um Vergangenes oder Zukünftiges zu gehen, sondern um die Gegenwart – als einen Möglichkeitsraum, den literarische Imagination vor den Zumutungen und Festschreibungen des Realen zu bewahren hat.

Wenn der Mars also unsere Gegenwart zeigt, dann wäre sie bewohnt von primatenartigen Wesen mit archaischen Technologien und einem Hang zu Naturmagie. Sie wäre gespickt mit Verbotenem, dem Wissen um Scham und Schande und einer entschiedenen Erkenntnislust. Insofern hat Kleins Roman wenig mit Reinhard Jirgls Mars-Fantasie „Nichts von euch auf Erden“ aus diesem Frühjahr zu tun, die eher einen dystopischen Beitrag zur Verfügbarmachung und Zurichtung alles Menschlichen durch Macht, Technik und Geschichte liefert. Was die erstaunliche kleine Mars-Konjunktur in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dennoch verbindet, ist ihr Insistieren auf das Buch. Dieser alte Datenträger, der Nützliches wie Unsinn speichert, löst auch im Zeitalter nach den Katastrophen Begehrlichkeiten aus, gerade weil Lesen und Schreiben zu Geheimwissen geworden ist. Dass das Geschriebene, das Klein auf dem Mars wie auf der Erde fast mystifizierend zelebriert, Trost stiften soll, könnte allerdings mit einer professionell bedingten Wahrnehmung von Schriftstellern zu tun haben und damit überbewertet sein.

Natürlich lässt sich hinter dieser Rückkehr zu Neugier und Tabu, zum verrätselt Wunderbaren, Kleins modernitätsskeptischer Impuls erkennen. Der freilich hat neben euphorischer Modernitätsfeier seinen Platz in der Literatur und ist nichts Neues – schon gar nicht bei Klein. Er begleitet oder leitet sogar dessen gesamte schriftstellerische Produktion seit „Libidissi“. Er schöpft aus einem immer ähnlichen Motivfundus und bedient sich verwandter narrativer Settings. Dazu gehören Antennen, die in den Äther hineinhorchen, abgefahrene drogenhaltige Getränke, geheimnisvolle Türme, Staubsauger, Geschwisterpaare und Verdoppelungen verschiedenster Art. Überall lauern Korrelationen wie die Furchen, die den Mars überziehen – aber auch Spirthoffers Schädel. Die Lust, diesen Spiegelungen nachzugehen, legt sich bald. Und der Wunsch des marsianischen Erzählers, des „Heimlichdenkers“ und „Heimlichtuers“ Purrpurr, die Augen seiner Leser seien „erdhimmelblau und glänzend vor Neugier“, dürfte sich schwerlich erfüllen.

Bedankt sei Georg Klein, dass er sich in seinen durchaus spannenden, aber nie auf flotten Konsum konzipierten Romanen weiterhin jedem vermeintlich realistischen Weltabschildern verweigert. Dass wir in „Die Zukunft des Mars“ mehr über uns erfahren, als wir aus Kleins früheren Büchern schon wissen, lässt sich indes kaum behaupten.











— Georg Klein:

Die Zukunft des Mars. Roman. Rowohlt,

Reinbek 2013.

384 Seiten, 22,95 €.

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