Kultur : Pussy-Plädoyers

Lesung für die Punkband im Martin-Gropius-Bau.

Michaela Grimm

„Ein Chor“ nennt es Ulrich Schreiber, Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin: Weltweit haben Universitäten und Institutionen in rund 100 Städten bei den Solidaritätslesungen für die russische Frauenpunkband Pussy Riot mitgemacht, darunter Casablanca, Santa Barbara, Moskau, Athen, Toulouse, Melbourne und Berlin. Das Literaturfestival hat die Aktion initiiert.

In Kinosaal des Martin-Gropius-Baus bekommen am Mittwoch zunächst die verurteilten Frauen Marija Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekatarina Samuzewitsch selbst das Wort – über die Stimme von Elfriede Jelinek. Die Nobelpreisträgerin hat das Punkgebet der Anti-Putin-Aktion vom Februar auf Deutsch eingesprochen. Es ist nicht länger als das Vaterunser und enthält Provokationen wie „Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“, „Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße“ und „Kirchlicher Lobgesang an die verfaulten Führer“. Angeklagt werden die „entzündeten Abszesse“ des russischen Staates, wie es Marija Aljochina vor Gericht formulierte.

Dann lesen Schauspielerinnen Auszüge aus den Schlussplädoyers der drei Frauen. Sie beklagen darin das Desinteresse an zeitgenössischer Kunst und kritisieren die russischen Schulen, wo immer noch nach sowjetischem Modell unterrichtet werde. Und sie zitierten Philosophen, Dissidenten und die Bibel: den Vorwurf gegen Jesus wegen Gotteslästerung. Auf der Webseite der Veranstalter (www.worldwide-reading.com) sind die Plädoyers veröffentlicht.

Was der Westen tun könne, wollte Schreiber anschließend diskutieren. Aber Volker Weichsel, Herausgeber der Zeitschrift „Osteuropa“, und Marieluise Beck, Sprecherin von Bündnis 90/Grüne für Osteuropapolitik, drifteten ab zur Struktur des russischen Regimes – „eine Elitenclique, die ihre wirtschaftlichen Interessen mit allen Mitteln durchsetzt“ (Weichsel) und ein „schnödes System, das aus dem KGB herausgewachsen ist“ (Beck). Beide bremsten Schreiber in seinem Optimismus, die Haftstrafen für Pussy Riot möglicherweise verkürzen zu können. „Wir würden uns übernehmen, wenn wir denken würden, von außen die russische Demokratiebewegung zu stärken und eine Veränderung herbeizuführen“, so Beck. Michaela Grimm

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