Kultur : Putin kaputt!?

Wir sind nicht allein: Mischa Gabowitsch legt eine persönliche Analyse der russischen Protestbewegung vor.

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Als in Russland um die Jahreswende 2011/2012 die ersten Straßenproteste gegen die gefälschten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfanden, reagierten viele Beobachter überrascht. Weitgehend unerwartet trat da eine außerparlamentarische Opposition auf den Plan, von der niemand recht wusste, wie sie sich formiert hatte, welche Positionen sie vertrat, wer ihr überhaupt angehörte. Auch die russische Staatsmacht tat sich auffällig schwer damit, das Bedrohungspotenzial der Demonstranten einzuschätzen – abzulesen an ihrer erst zögerlichen, dann umso heftigeren Reaktion auf die Proteste. Nicht zuletzt war auch den Demonstrierenden selbst anzumerken, dass sie sich anfangs nur vage über die Zusammensetzung und Ziele ihrer Proteste im Klaren waren.

Kaum anderthalb Jahre nach dem Geburtsmoment dieser bis heute nicht ganz ausgeformten Oppositionsbewegung liegt nun auf Deutsch ein erster zeitgeschichtlicher Einordnungsversuch vor: Der in Russland geborene und in Potsdam forschende Soziologe Mischa Gabowitsch zeichnet in seiner lesenswerten Studie „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“ ein detailliertes Bild der letztjährigen Massenkundgebungen.

Als Teilnehmer der Proteste kann Gabowitsch dabei auf reichhaltige eigene Eindrücke zurückgreifen, die er sowohl in Moskau als auch bei Demonstrationen in der russischen Provinz gewann. Mit ihrer Hilfe porträtiert er eine Bewegung, die sich vorrangig aus Empörung zusammenfand: über den dreisten Rollentausch zwischen Wladimir Putin und Dmitri Medwedew im Vorfeld der Wahlen, über die kaum verhohlenen Manipulationen bei ihrer Durchführung, über den immer zynischer betriebenen Machtmissbrauch der politischen Elite. Wie Gabowitsch eindrücklich dokumentiert, stellten viele der Menschen, die sich von diesen Missständen auf die Straße treiben ließen, erst im Lauf der Ereignisse überrascht fest, dass sie mit ihrem Unmut nicht alleine waren. Dieser, der emotionale Aspekt der Proteste war es für Gabowitsch, der aus frustrierten Individuen eine oppositionelle Bewegung machte.

Obwohl das Buch mit großer Genauigkeit den Verlauf der Kundgebungen, ihre gesellschaftliche Zusammensetzung und allmähliche Positionsfindung nachzeichnet, beschränkt sich Gabowitsch nicht auf die unmittelbaren Ereignisse, sondern ordnet das Protestgeschehen in den breiteren Kontext der dreizehnjährigen Herrschaft Putins ein. Seine Auseinandersetzung mit der Struktur des staatlichen Gewaltapparats, der Gängelung zivilgesellschaftlicher Instanzen, aber auch der selbst verschuldeten Erfolglosigkeit bisheriger Oppositionsansätze ist überzeugend argumentiert und wäre auch ganz ohne den Zusammenhang der neueren Proteste lesenswert.

Dass Gabowitsch bei seiner Analyse nicht die Rolle eines distanzierten, sondern eines teilnehmenden Beobachters einnimmt, der offen für die Demonstranten Partei nimmt, mindert die kritische Glaubwürdigkeit seines Buchs nur vereinzelt. An manchen Stellen erschwert die frotzelnd-polemische Auseinandersetzung mit der Gegenseite dem Leser das Verständnis für die Motivlage der Putin- Regierung, auch überzeugen nicht alle Einordnungen, mitunter kapriziert sich Gabowitsch auf randständige Oppositionsbiotope, während er zentralere Akteure nur streift. Das aber sind marginale Einwände gegen diese in beeindruckend kurzer Zeit erarbeitete Studie, der es überzeugend gelingt, aus einer Momentaufnahme heraus ein zeitgeschichtliches Panorama zu entwerfen.









– Mischa Gabowitsch:
Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur. Edition Suhrkamp, Berlin 2013. 438 Seiten, 16 Euro.

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