Kultur : Putins Nachtigall

Jens Mühling über einen Politskandal, der die russische Kulturwelt spaltet

Es war ein Glückwunschtelegramm der besonderen Art. Als Wladimir Putin Anfang Oktober seinen 55. Geburtstag feierte, strahlte der staatliche Fernsehkanal „Rossija“ eine 20-minütige Lobeshymne aus, in der kein Geringerer als Nikita Michalkow dem Präsidenten Reverenz erwies. Russlands bekanntester, soeben auf dem Filmfest Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichneter Regisseur pries in seinem Beitrag die weise Staatsführung des Geburtstagskindes – und fand sogar lobende Worte für Putins Haltung im Tschetschenienkonflikt. Dass die Amtszeit des Staatsoberhaupts nun unabwendbar ihrem Ende zugehe, konstatierte der Oscar-Preisträger mit Bedauern.

Obwohl Teile der russischen Presse ihm postwendend das Attribut „Putins Nachtigall“ anhängten, setzte Michalkow wenig später noch eins drauf: In einem offenen Brief an den Präsidenten forderten er und drei weitere exponierte Kulturschaffende Putin auf, sich bei den Präsidentschaftswahlen im März für eine dritte Amtszeit zur Verfügung zu stellen – was, wie Putin selbst wiederholt betont hat, die Landesverfassung verbietet. Zwar reihte sich der in Russland auch kulturpolitisch tätige Michalkow mit seinem Schreiben nur in eine Welle ähnlich gelagerter Appelle politischer Funktionäre ein – doch da er seinen Brief vollmundig „im Namen aller Vertreter der schöpferischen Berufe“ unterzeichnet hatte, stand kurz darauf die russische Kulturszene Kopf. Nicht nur am verfassungswidrigen Anliegen des Schreibens nahmen viele Kollegen Anstoß, sondern vor allem an dessen kniefälligem Ton, der an die öffentliche Selbsterniedrigung von Künstlern in der Stalin-Ära erinnerte.

Mehrere hundert Kulturvertreter publizierten daraufhin eigene Appelle, in denen sie Michalkow scharf kritisierten und Putin zur verfassungsgemäßen Abdankung aufforderten. In der Fernsehdebatten-Show „An die Barriere!“ lieferte sich der Schriftsteller Viktor Jerofejew einen erbitterten Schlagabtausch mit Michalkow, in dem er eindringlich vor dem ausufernden Personenkult um Putin warnte. Michalkow verteidigte seinen Vorstoß vor laufender Kamera mit seiner „aufrichtigen Liebe zum Präsidenten“ – und erklärte, er wisse den Großteil der Bevölkerung hinter sich. Wie blind die Liebe machen kann: Das finale Zuschauervotum verlor Michalkow mit 50 000 zu 90 000 Stimmen.

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